![]() |
||
| " ... zur Förderung des Verständnisses gesellschaftlicher Prozesse" | ||
| Pfad: debatte.info | Archiv | Zum Warenfetisch | ||
Oh wie schön ist Einkaufsland Vom Warenfetisch zum Stillstand der Theorie Wer einmal erlebt hat, mit welch verbissener Dogmatik ein Jugendlicher darauf besteht, die „Diesel“-Jeans besitzen zu müssen, anstelle einer anderen, preiswerteren Hose, der weiß was Marx mit Fetischcharakter der Ware meinte. Indem sich die Konsumwelt auf alle Lebensbereiche ausgedehnt, sie zu einem Handelsgut degradiert, beginnt die Wirklichkeit ein seltsames Eigenleben zu entwickeln. So ist der Bodybuilder der Schein des Kraftmenschen und der Schauspieler der offensichtlich falsche Schein einer Wirklichkeit, mit der der Promi-Schauspieler immer wieder verwechselt wird. Beides findet sein Finale in Schwarzenegger, womit die Fetischgestalt der Wirklichkeit zum Gouverneur wird, und es siegt die Schein-Realität, denn auch das Regierungsamt ist nur der Schatten der politischen Macht, die eher in Konzernzentralen zu finden ist.
So wie hier das Wahlergebnis nicht mehr seine Abstammung aus der Konsumwelt erkennen lässt, haben auch die Waren allgemein ihre Herkunft hinter sich gelassen. Jeder einzelne Artikel leugnet den Produktionsprozess aus dem er stammt. Die gesamte Produktionssphäre erscheint deshalb seltsam starr, unveränderlich und in einer antiquierten Perspektive. Verbindet der Normalbürger mit der „lila Schokolade“ frei laufende Kühe und heile Alpenwelt, anstatt Fabrikanlagen, Reaktoren und Chemikalien, ist ihm die Vergangenheit der Ware ihre Gegenwart. In dieser lügnerischen Hochglanzwirklichkeit musste es der Öffentlichkeit auch entgehen, dass es der Chemie gelang den Geschmack von einer beliebigen Nahrung zu trennen und auf eine Andere zu übertragen. So hat etwa der übliche Erdbeerjoghurt nichts mehr mit Erdbeeren zu tun. Sein Erdbeergeschmack, wie auch die enthaltenen „Erdbeerstückchen“, sind künstliche Industrieprodukte. Die Fachpresse hat errechnet, dass wenn alle Erdbeerjoghurts, die zur Zeit auf der Welt im Handel sind, wirklich aus Erdbeeren produziert worden wären, die gesamte Landmasse unseres Planeten nicht für den Anbau reichen würde. Aber wenn die Mutti ihren Frühstücksjoghurt löffelt, käme ihr nie in den Sinn, dass das nicht die „reine Natur“ ist, ihr bleibt der wahre Herstellungsprozess dieses Lebensmittels fremd. So fremd wie dem Opa, der die wohlschmeckende „Hühnersuppe“ ißt, die wenig mit Huhn zu tun hat. Die Konsumenten sind von der Wirklichkeit „entfremdet“, gleich dem Arbeitenden, dem der Fabrikationsvorgang, von dem er nur ein winziges Stück durchblicken kann, fremd geworden ist.
Dadurch stellt sich die Warenproduktion als ein „ewiges Prinzip“ dar, an das sogar manche Marxist/inn/en glauben. Der Kapitalismus erscheint unveränderlich wie seine Waren, ohne Entwicklungsetappen, ohne (internationale) Zusammenhänge. Der Weltmarkt verschwindet vor den Augen der Welt scheinbar im Nichts. Deshalb ist z.B. heute die Idee der „deutschen Ware“ beliebt, aber närrisch. Der Audifahrer mit dem Aufkleber „Ich pisse auf Japaner“ begreift nicht, dass sein PKW ein Internationalist ist. Ist es wirklich nötig, aufzuzählen aus wie viel Ländern und Kontinenten die Einzelteile dieses Autos stammen? Es siegt der Anschein des „nationalen", selbst bei dem Konzernmanager, der es besser weiß und wissen muss, dessen Ehrenkodex ihm aber den Besitz eines „deutsches“ Gefährtes vorschreibt. Die isolierte Warenexistenz spiegelt sich in einer atomisierten Weltsicht und politisch im Nationalismus. Weil aber in der Ware ihre Entstehung nicht erkennbar ist, bleibt die Welt im Urteil der Menschen altertümlich, gestrig, nostalgisch. Der hungrige LKW-Fahrer verbindet sein Schnitzel mit der Vorstellung des munteren Schweins auf einem naturgemäßen Bauernhof, und selbst die Ferkel, die er häufig mit seinem Zug durch Europa kutschiert, lassen keinen Argwohn aufkeimen. Dabei wird Schweinefleisch längst quasi „industriell“ produziert, in einer Produktionskette, die etwa in Spanien beginnt, wo ein „Züchter“ nichts anderes macht, als Neulinge zu erzeugen, zum richtigen Zeitpunkt in einer bestimmten Menge. Die werden dann zu einer Spezialfarm z.B. in Schottland gebracht, wo aus kleinen, große Ferkel werden. Im Anschluss geht der Transport nach ... und am Ende landet das „Normschwein“ womöglich auf dem Schlachthof von Oldenburg. Der Schnitzelesser ahnt davon so wenig, wie er sich vorstellen kann, dass die Plastikhülle seines Telefons in Peru „geboren“ wird, seine chemische Gestalt in Leverkusen erlangt, um später in Polen geformt zu werden.
Auch Marxist/inn/en sind oft nicht aufgeklärter als ihr Publikum, auch sie fallen auf die Reklamewelt herein, nehmen sie ernst und nostalgisieren damit ihre Theorie. Wer ein „Konjunkturprogramm“ formuliert, akkurat wie vor 15 Jahren, der leugnet insgeheim die globalisierte Produktion. Und wer glaubt, dass der Imperialismus noch so ist wie zu Lenin Lebzeiten, hat es sich im Warenfetischismus wohnlich gemacht. Dabei sind diese Ansichten so populär wie der romantisch-antiquierte Schein der Warenwelt. Aber sie haben alle Kraft zur Veränderung verloren. Sie sind rote Romantik die gemächlich zum Kitsch reift.
Zu oft geben wir uns mit vergangenen Losungen zufrieden, sind womöglich noch stolz, dass unsere alten Parolen immer noch tauglich scheinen. Wir spüren nicht einmal, dass z.B. die Formel „Geld ist genug da“ in der sozialen Bewegung klingt wie: „Der Kapitalismus ist immer noch reformierbar“. Ist der „Sozialstaat“ an knappen Finanzen gescheitert? Man muss die Lüge, die in dieser Argumentation liegt, anprangern - aber den Prozess darin zusammenzufassen, heißt die Lüge stillschweigend zu glauben. Wer nicht bemerkt hat, dass die weltweite Staatsverschuldung die keynsianischen Konjunkturprogramme erdrosselt hat, und die Internationalisierung der Produktion nationale Wohlstandsmodelle exekutierte, der kann sein altes Programm modisch aufpeppen, mit „Agenda 2010" und „Hartz“ nachwürzen und sein Rezept wird doch nur für einen kleinen Menschenauflauf reichen. Es hat nichts mit „Kampf um machbare Reformen“ zu tun in der Theorie der 80er zu verweilen und noch weniger mit Standhaftigkeit. Warum ist denn in all ihrer Pauschalität die attac-Losung „Unsere Welt ist keine Ware“ so packend?
Daß der politische Zank in den Parlamenten wie ein Spiegelbild zur Werbebranche ist und ähnlichen Bewegungsgesetzen folgt, ist offenbar - trotzdem blühen viele Genoss/inn/en stets dann auf, wenn es um Wahlen geht. Dabei ist es sowenig falsch sich an Wahlen zu beteiligen, wie es falsch ist sich an Wahlen nicht zu beteiligen. Wahlbeteiligung ist mitschwimmen in der Fetischoberfläche der Welt. Für den deutschen Normalbürger ist der Bundestag so real wie „Deutschland sucht den Superstar“ und Angela Merkel so wirklich wie Lara Croft. In Wahlbeteiligungen mehr zu sehen als eine Aktionsform (wie Demonstration, Streik etc.), ist wie in „red bull“ mehr zu sehen als eine Limonade.
Für die ganze Analyse! Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, für den schaut die ganze Erde wie ein Nagel aus. Wer den Produktionsprozess ausblendet, im Verteilungsprozess kleben bleibt, ersetzt heimlich - und vielleicht ohne es zu merken - Kapital durch Geld, Mehrwertbildung durch Wucher. Politische Veränderungen werden dann nicht mehr als Folge der verwandelten Fabrikationsbedingungen erkannt, „nationale Befreiung“ wird mit Antiimperialismus verwechselt und am Ende ist die Verschwörungstheorie nah. Die Welt erscheint rätselhaft, unbegreiflich, durch Geheimdienste oder andere dunkle Kräfte gelenkt. Doch die Gesellschaft verändert sich nicht, „durch die Forcierung aggressiver Strategien“, sie verändert sich nicht durch den diabolischen Willen der in ihr Herrschenden. So zu denken, verwandelt den Marxismus-Leninismus in Sumsininel-Sumsixram: in Weltanschauung seitenverkehrt.
Für die ganze Analyse! Es ist nicht so, dass die Marx‘sche Theorie nicht für die heutigen Bedürfnisse ausreicht, sondern eher so, dass unsere Einsichten für die Verwertung der Marxschen Gedanken nicht ausreichen.
Herbert Steeg
Hinweis der Redaktion: Bitte lesen hierzu auch den Artikel Zum Warenfetisch i |
||