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Zum Warenfetisch Eine Antwort auf "Oh wie schön ist Einkaufsland" von Herbert Steeg Wenn in den industriell hochentwickelten Staaten die Warenwelt so wichtig und entscheidend in ihrer Konkurrenz zum real existierenden Sozialismus war, so lag das nicht (nur) daran, dass diese zum Kulturkampf gegen die sozialistischen Welten diente, sondern vor allem daran, dass die Überproduktion von Waren aller Art dem kapitalistischen System eigen ist.
Die ständige Steigerung der Arbeitsproduktivität führte und führt zu immer niedrigeren Preisen, was wir bei Marx schon lernen konnten und warum in einer kapitalistischen Gesellschaft der Warenwert tendenziell immer weiter fallen wird. So gibt es heute ein regelmäßiges Angebot bei den Discountern, wo eine Jeans zu 4,99 € zu erwerben ist. Gleichzeitig ist es möglich, sich bei Humana mit Markenjeans aus zweiter Hand zu 1 - 4.- € einzudecken. So billig waren Hosen dieser Art und Haltbarkeit zuvor noch nie. Doch wissen wir alle, dass der kapitalistischer Handel wie die Produktion nicht zur Versorgung der Bevölkerung da sind , sondern zur Maximierung des eingesetzten Kapitals. Jede kapitalistische Unternehmen versucht, mit möglichst geringem Kapitaleinsatz möglichst viel Geld zu verdienen, also das Kapital zu vermehren. Gegen diesen Grundsatz verstößt auch nicht der versuchte oder vollendete Betrug und auch nicht ein Wertzuwachs durch künstliche Imagesteigerung
In einer entwickelten Gesellschaft freier Bürger, so setzte bereits Marx (und andere) voraus, ist der einzelne Bürger verpflichtet, sich so umfangreich zu bilden, dass es ihm möglich ist, bei der Warenauswahl klug nach eigenen Bedürfnissen zu entscheiden und seine Bildung es ihm - und selbstverständlich auch ihr – ermöglicht, den Gebrauchswert der gewünschten Ware mit seinem Bedürfnis in Einklang zu bringen. Eine wichtige Grundlage ständig sinkender Warenpreise war und ist somit auch die Bildung der Konsumenten.
Jedem Bedürfnis, ob realem oder künstlichem, folgt sein Angebot, Deshalb gibt es bei uns teure Biowaren neben den billigsten Grundnahrungsmitteln der Geschichte. So ist es möglich, Lebensmittel in verarbeiteter Form unter dem landwirtschaftlichen Erstellungspreis zu kaufen und zunehmend trifft das auch auf langlebige Konsum- oder Investitionswaren zu. Schon sehr lange gibt es ausreichende wissenschaftliche Kenntnis darüber, dass es keine wirksamen Haarwuchsmittel gibt und auch die Cremes jeglicher Art nicht helfen, aus einer müden und frustrierten Ehefrau einen nimmersatten Vamp zu machen. Trotzdem werden solche Mittel immer wieder angeboten und auch gekauft. Ist das nun ein Grund den Handel damit durch Gesetze zu verbieten? Ist der Aufwand einschließlich der Kontrolle und Überwachung gerechtfertigt? Sicher nicht, da er deutlich höher ist als der Aufwand, die betroffenen Menschen in einen Bildungsstand zu versetzen, der ihnen ein sinnvolleres Handeln ermöglicht.
Hinzu kam und kommt noch immer die Erkenntnis, dass gesellschaftlich unterprivilegierte Menschen aus ihrer psychischen Not immer versuchen werden, sich mit imageträchtigen Waren zu umgeben, um damit ihren berechtigten oder unberechtigten Minderwertigkeitskomplexen zu begegnen. Solche Handlungsweisen aus psychischer oder gesellschaftlicher Not ist nur mit Bildung und Steigerung gesellschaftlicher Anerkennung zu begegnen, - nicht mit Verboten, Bestrafungen, Verfolgungen oder Reglementierung realsozialistischer Art.
Wie viel die Menschen um die Produktion und von der Warenverteilung wissen, ist eine wesentliche Form der Bildung. Ich aber wage die Behauptung, dass die Menschen der Gegenwart in den Gesellschaften des entwickelten Kapitalismus so viel davon wissen, wie noch keine Generation zuvor. Und heute sind sicher Kinder und Jugendliche durch die Sendungen mit der "Maus" oder anderen vergleichbaren Fernsehprogrammen oft besser dazu informiert als ihre Großeltern. Es ist unbestritten, dass unser aller Bildungsstand noch weiter angehoben werden muss, dazu benötigen wir mehr Zeit und kürzere Arbeitszeiten. Die (richtige) Auswahl und Nutzung von Waren machen aus ihnen Kulturgüter. Und ich möchte diese, unsere Warenvielfalt und -kultur nicht missen und mich aus dieser, unserer durch die Warenästhetik geprägten Umwelt nicht heraus halten.
Allen Menschen sollte das Recht auf gleiche Lebensbedingungen gegeben sein, einschließlich des Rechtes auf unbegrenzten und unkontrollierten Warenkonsum, soweit das ohne Unterdrückung und Benachteiligung anderer Menschen möglich ist. So ist nicht die Warenform für sich das Problem, sondern die menschenunwürdigen Bedingungen, unter welchen Waren hergestellt oder verteilt werden.
Der Kapitalismus ist keine starre und unveränderliche Gesellschaft, sondern veränderte sich in der Vergangenheit und verändert sich gerade zu rasant in der Gegenwart. Nicht immer zum Guten, - aber auch nicht zwangsläufig zum Schlechten. Nach Marx wird sich eine nachkapitalistische Gesellschaft erst aus der kapitalistischen entwickeln, wenn diese an ihre Zivilisationsschranke gekommen ist und die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht mehr den gesellschaftlichen Produktivkräften entsprechen.
Dies wird nicht von alleine und nicht durch reformierende Anpassungen, sondern durch die Beteiligten in einem bewussten Akt geschehen müssen. Am wichtigsten sehe ich die Bedeutung von Bildung und Wissen. Aber eine Umwälzung der Gesellschaft wird nicht durch missionarischen Eifer, der andere und anderes für moralisch schlecht erklärt und auffordert an das Gute zu glauben, erreicht. Glauben hilft nicht, nur Wissen!
Alwin Schütze
Hinweis der Redaktion: Bitte lesen hierzu auch den Artikel Oh wie schön ist Einkaufsland |
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