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Lektion 01c: Der "Fetischcharakter" der Ware

Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 85-98

Findet das Rätsel der Geldform bereits seine Auflösung in der Wertform der Ware, so ist diese selbst "ein sehr vertracktes Ding, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken." Tritt ein Produkt als Ware auf den Markt, verwandelt sie sich "in ein sinnlich übersinnliches Ding."(85)* Der "rätselhafte Charakter" der als Waren gehandelten Arbeitsprodukte entspringt nicht aus der Arbeit oder aus der benötigten Arbeitszeit, hieran ist nichts mystisches, sondern aus der Warenform selbst. Der Marxsche Kernsatz lautet:

"Das Geheimnisvolle der Warenform besteht ... einfach darin, dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als ... gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt". "Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt."(86)

Wie wir gelernt haben, sind die Waren Produkte "voneinander unabhängig betriebner Privatarbeiten", deren gesellschaftlicher Charakter erst im Warentausch zum Vorschein kommt.(87) Erst im Austausch setzen sie ihre verschiedenen Arbeiten "einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen das nicht, aber sie tun es." Erst das Wertverhältnis verwandelt die Arbeitsprodukte "in eine gesellschaftliche Hieroglyhe".(88) Da im Austausch sich auch erst die Wertgröße ihrer Arbeiten herausstellt und diese beständig "unabhängig vom Willen, Vorwissen und Tun der Austauschenden" wechselt, zu einem "Geheimnis" wird, nimmt der gesellschaftliche Prozess für die Warenproduzenten "die Form einer Bewegung von Sachen (an), unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren."(89)

Was hier abstrakt formuliert ist, wird schlagend beweiskräftig in jeder Stockung des Warenabsatzes, in jeder Krise der Warenproduktion. Ohne bewusstes Tun und gegen ihren Willen kann die Privatarbeit der Warenproduzenten über Nacht wertlos werden.

 

Marx greift zum Vergleich auf die Religionen zurück, um das Ausmaß der Entfremdung und Verdinglichung zu verdeutlichen, wo "die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten"(86) annehmen. Und genauso geschieht es in der Warenwelt mit den Produkten der menschlichen Arbeit. Der "Fetischismus"(87) der Waren wird zu einer "objektiven Gedankenform"(90) der Warenproduzenten. Kurz gesagt, man schreibt Dingen(den Waren) Fähigkeiten zu, die in Wirklichkeit dem produktiven Tun der Menschen in der Gesellschaft zukommt.

Auf den Seiten 90ff zeigt Marx, dass solche Verkehrung spezifisch der warenproduzierenden Gesellschaft zukommt und im Vorgriff auf Max Weber, dem Begründer der modernen Soziologie, kommt er zur Schlussfolgerung, das für "eine Gesellschaft von Warenproduzenten, deren allgemein gesellschaftliches Produktionsverhältnis darin besteht, ... ihre Privatarbeiten aufeinander zu beziehn als gleiche menschliche Arbeit, das "Christentum" und speziell der "Protestantismus" die "entsprechendste Religionsform" ist(93). Der Fetisch der Warenwelt wie der der Religion, so Marx, kann "überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werktagsleben der Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander und zur Natur darstellen."(94)

 

Im Kapitel über den "Warenfetisch" gibt uns Marx erste Einblicke in die ideologischen Formen wie Verdinglichung, Entfremdung, Verkehrung, die aus der Basis der Gesellschaft, dem Produktionsprozess entspringen und nur durch eine bewusste Gestaltung dieses Produktionsprozesses überwunden werden können. Marx warnt davor, den Fetisch der Warenform als der "allgemeinste(n) und unentwickelste(n) Form der bürgerlichen Produktion" (97) als leicht durchschaubar im Vergleich zum Geld- oder Kapitalfetisch, die wir noch kennen lernen werden, zu halten. Die "theologischen Mucken"(85) der Warenform, dies sei noch angemerkt, sind heute angesichts der bunten Warenwelt der Markenprodukte mit ihren Zuschreibungen von sinnlichen Attributen bestimmt nicht leichter zu durchschauen als zu Marxens Zeiten.

 

Fragen zum Verständnis und zur Diskussion:

1) Was soll an einem Pfund Zucker oder Mehl "übersinnlich" sein?

2) Wie begründet Marx den Fetischcharakter der Waren?

3) Warum ist der Vergleich "abstrakter Arbeit" im Austausch der Waren nach Marx kompatibel zu Vorstellungen des Menschen speziell zum Christentums und dem Protestantismus?

 

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23


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