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Lektion 06: Konstantes und variables Kapital

Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 214 - 225

Durch den Kauf der Ware Arbeitskraft erweckt der Kapitalist, habe wir im letzten Kapitel gelernt, die tote, in den Produktionsmitteln vergegenständlichte Arbeit, zum Leben. Wie nun die "verschiedenen Faktoren des Arbeitsprozesses ... an der Bildung des Produkten-Werts" teilnehmen, wollen wir nun, Marx folgend, betrachten.

Während die angewandte Arbeit "dem Arbeitsgegenstand neuen Wert" zusetzt, wird "der Wert der Produktionsmittel... erhalten durch seine Übertragung auf das (neue) Produkt." Durch den Arbeitsprozess, der Verwandlung von Produktionsmittel in ein neues Produkt, vermittelt die Anwendung der Arbeit diese Übertragung. Dies gilt es näher zu betrachten.

Aus der "Doppelseitigkeit" der Arbeit, die zugleich ihren Wert dem Produkt neu zusetzt und gleichzeitig die alten, toten Werte der Produktionsmittel überträgt, folgt die "Doppelseitigkeit des Resultats"(214)*. Einerseits, "in ihrer abstrakten, allgemeinen Eigenschaft ..., als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft, setzt die Arbeit ... den Werten (der Produktionsmittel) ... Neuwert zu, und in ihrer konkreten, besondren, nützlichen Eigenschaft .. überträgt sie den Wert dieser Produktionsmittel auf das Produkt und erhält so ihren Wert im Produkt."(215) Knapp gefasst: "Durch das quantitative Zusetzen von Arbeit wird neuer Wert zugesetzt, durch die Qualität der zugesetzten Arbeit werden die alten Werte der Produktionsmittel im Produkt erhalten."(215f) Allgemein gilt: "Es zeigt sich..., dass ein Produktionsmittel nie mehr Wert an das Produkt abgibt, als es im Arbeitsprozess durch Vernichtung seines eignen Gebrauchswerts verliert."(218) Kohle zur Energieerzeugung wird verbrannt, Rohstoffe und Halbfabrikate werden verarbeitet, Maschinen und Gebäude werden verschlissen.

Noch einmal poetisch Marx dazu: "Indem die produktive(!) Arbeit Produktionsmittel in Bildungselemente eine neuen Produkts verwandelt, geht mit dem Wert eine Seeelenwanderung vor. Er geht aus dem verzehrten Leib in den neu gestalteten Leib über. Aber diese Seelenwanderung ereignet sich gleichsam hinter dem Rücken der wirklichen Arbeit." Diese "Naturgabe" der "lebendigen Arbeit", "die dem Arbeiter nichts kostet, aber dem Kapitalisten viel einbringt", nämlich "die Erhaltung des vorhandnen Kapitalwerts"(221), solange der Arbeitsprozess nicht "gewaltsam" stockt.

Genauer gesprochen wird "der Wert der Produktionsmittel ... nicht reproduziert", sondern im "neuen Gebrauchswert ... erscheint ... der alte Tauschwert"(222) wieder.

"Der Teil des Kapitals", fasst Marx definitorisch zusammen, "der sich in Produktionsmittel ... umsetzt, verändert seine Wertgröße nicht im Produktionsprozess. Ich nenne ihn daher konstanten Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital." (223)

 

Im Gegensatz dazu bildet der "subjektive(!) Faktor des Arbeitsprozesses", die "sich betätigende Arbeitskraft" des Arbeiters, "zusätzlichen Wert, Neuwert." Ihr vom Kapitalisten vorgeschossener Wert "bildet den Überschuss des Produktenwerts über seine dem Wert der Produktionsmittel geschuldeten Bestandteile. Er ist der einzige Originalwert", der durch den Arbeits- und Verwertungsprozess "selbst produziert ist." Er " ist wirklich reproduziert, nicht nur scheinbar, wie der Wert der Produktionsmittel. Der Ersatz eines Werts durch den andren ist hier vermittelt durch neue Wertschöpfung."

Marx fasst zusammen: "Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals ... reproduziert sein eignes Äquivalent und (im Verwertungsprozess) einen Überschuß darüber. Mehrwert ... Aus einer konstanten (vorgeschossenem Geldbetrag) Größe verwandelt sich dieser Teil des Kapital fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil oder kürzer: variables Kapital." Es gilt der Merksatz:

"Dieselben Kapitalbestandteile, die sich vom Standpunkt des Arbeitsprozesses als objektive und subjektive Faktoren, als Produktionsmittel und Arbeitskraft unterscheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwertungsprozesses als konstantes Kapital und variables Kapital."(224)

Durch Änderung der "gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit" des Werts der Produktionsmittel mag sich zwar "das Größenverhältnis zwischen konstantem und variablem Kapital oder die Proportion, worin das Gesamtkapital in konstante und variable Bestandteile zerfällt" ändern, aber dies "berührt dagegen nicht den Unterschied von konstant und variabel."(225)

 

Fragen zum Verständnis und zur Diskussion:

1) Was bewirkt der Unterschied in der Verausgabung von quantitativer und qualitativer Arbeit(skraft)?

2) Was ist der wesentliche Unterschied zwischen variablen und konstanten Kapital?

3) Sind die Faktoren des Arbeitsprozesses gleichwertig wie in der bürgerlichen Wirtschaftslehre?

4) Was hat die Bildung von "Neuwert" mit der heutigen Mehrwertsteuer zu tun?

 

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23


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