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Zum Zusammenhang des ersten Bandes des "Kapitals" Teil I. Traditionelles Wissenschaftsverständnis und die Theorie von Marx
So unterschiedlich die Interpretationen der Marxschen Theorie auch waren und sind, sie stellen den für das bürgerlichen Wissenschaftsverständnis so konstitutiven Gegensatz zwischen Wissenschaft und Philosophie nicht in Frage. Wissenschaft wird als etwas verstanden, das mit Tatsachen zu tun hat, die Totalität dieser Tatsachen und Dinge mittels Abstraktion in einzelnen Qualitäten und Funktionen zerlegt und die durch methodische Zusammenfassung jener Qualitäten und Funktionen in wissenschaftlichen Begriffen und Gesetzmäßigkeiten eine Erklärung jener Tatsachen ermöglichen soll. Auf der anderen Seite soll Philosophie das Ganze oder die Bedingungen der Möglichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis aufhellen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum das "Kapital" von Marx nur als eine wissenschaftliche Theorie von einem Teilbereich der Gesellschaft, der Wirtschaft, und seinen Gesetzmäßigkeiten verstanden wird und immer wieder versucht wurde und wird, die Theorie von Marx zu ergänzen, etwa durch eine Erkenntnistheorie (z.B. Sohn-Rethel oder Diamat = dialektische Materialismus in den sozialistischen Staaten), eine Ontologie (Lukacs), eine Theorie der Subjektivität (kritische Psychologie), eine spezielle Weltanschauung (Diamat) usw. Wer erst einmal die Konformitätszwänge gegenüber irgendwelchen Wissenschaftskulturen hinter sich gelassen hat und sich mit philosophischen und sozialwissenschaftlichen Theorien auskennt, dem erinnern diese Theorien weniger an Marx als an ganz andere Quellen, so etwa die erkenntnistheoretischen Fundierungsversuche an den Positivismus des 20. Jahrhunderts, die Ontologie von Lukacs an die Theorie von Gehlen, die kritische Psychologie an den Behaviorismus und die bürgerlichen Verhaltenstheorien usw. Meist stellen die Interpreten der Marxschen Theorie nur eine mehr oder weniger originelle Mischung zwischen ihren eigenen bürgerlichen Theoriehintergrund, einigen Begriffen von Marx und einer aufgesetzten Klassenkampfrhetorik her. Das reicht als Kitt für eine politische Sekte, nicht aber für eine revolutionäre Theorie.
Der Gegensatz von Wissenschaft und Philosophie hat einen realen Kern. Dieser Kern ist die Existenz des Menschen in den kapitalistischen Gesellschaften. Wie in allen Gesellschaften verdoppelt sich die Existenz des Menschen. Der Mensch wird durch sein Handeln für andere Teil einer Gesellschaft und zugleich ist er als freies Subjekt Gesetzgeber seines eigenen gesellschaftlichen Handelns. Als Teil der Gesellschaft hat der Mensch ein raum-zeitliches Dasein innerhalb des gesellschaftlichen Handlungszusammenhangs und als freies Subjekt ist er raum- und zeitloser Gesetzgeber seines eigenen Handelns. Diese widersprüchliche Bestimmung des Menschen kennzeichnet seine Existenz in allen Gesellschaftsformen. Neu in kapitalistischen Gesellschaften ist die Bestimmung der raum- und zeitlosen Existenz des Menschen als einzelnes sinnliches Wesen. Diese Neubestimmung hat ihre reale Basis in der Entstehung der Warenwirtschaft. In einer Warenwirtschaft ist alles gesellschaftliches Handeln zunächst einmal Produktion von Waren. Gleichzeitig wird der Erwerb von Geld das alles beherrschende Motiv. Damit ist in der Warenform des gesellschaftlichen Handelns die Doppelbestimmung des Menschen enthalten. Als einzelnes sinnliches Wesen ist der Mensch durch sein Handeln in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung situiert, in dem sein Handeln durch das Geld als raum- und zeitlose Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Motiven bestimmt ist.
Auf Grundlage dieser realen gesellschaftlichen Verhältnisse kommt es zur Säkularisierung des Weltbildes und zur Individualisierung der Lebensführung der Menschen. Die raum- und zeitlose Identität des Menschen als gleiches freies Subjekt wird nicht mehr als göttliches oder kollektives Wesen wie in der christlichen oder griechischen Philosophie, sondern mit den Menschen als einzelnes sinnliches Wesen in Verbindung gebracht. Gleichzeitig eröffnet die Formalisierung jener Identität in der Geldform theoretisch wie praktisch einerseits die Möglichkeit der Mathematisierung und der Verwissenschaftlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse und andererseits die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Teilsysteme, in denen jeweils ein besonderer Aspekt jener Identität (z.B. Zielkoordination oder die Zielrealisation) als je besondere Systemlogik das Handeln bestimmt. Damit werden auch die Aufgabenfelder der modernen Sozialwissenschaften und der Philosophie neu abgesteckt. Die modernen Sozialwissenschaften analysieren die Gesellschaft und die menschliche Existenz nach einer speziellen Bestimmung der Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Motiven. Die Philosophie oder andere Metawissenschaften sollen die historische Entstehung der materiellen und subjektiven Bedingungen der Möglichkeit selbstverantwortlichen Handelns der Menschen, d.h. die historische Genese der formalen Identität der Menschen als gleiche freie Subjekte, erklären.
Marx bricht nicht erst im "Kapital" mit dieser Aufgabenteilung. Dabei geht er von der Erkenntnis aus, dass die Formalisierung der Identität des Menschen, wie sie in formalen Handlungsorientierungen und einer formalen Ethik eine subjektive Wirklichkeit und durch die gesellschaftliche Institutionalisierung formaler Koordinationsmedien wie Geld in der Wirtschaft oder demokratischer Verfahren in der Politik eine objektive Wirklichkeit bekommen habe, nicht das Ende der Geschichte bedeute, insofern als mit ihr der lang andauernde Klassenkampf um die Bedingungen der Möglichkeit selbstverantwortlichen Handelns der Menschen zu Ende gehe und Geschichte sich nun auf die Ebene der einzelnen Individuen und auf das Feld der Lösung von konkreten Problemen verlagere, sondern eine Verdinglichung der gesellschaftlichen Existenz der Menschen, wie sie für Klassengesellschaften charakteristisch ist, bedeute. Gleichzeit sieht Marx aber auch, dass die Formalisierung der Identität zur Auflösung des traditionalen Weltbildes und der damit verbundenen traditionalen hierarchischen Gesellschaftsstrukturen geführt hat und damit zur Voraussetzung für selbstverantwortliches Handeln der einzelnen Individuen im Sinne des liberalen Weltbildes wurde. Die Ambivalenz der Formalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse geht auf die Doppelbestimmtheit der gesellschaftlichen Existenz des Menschen zurück. Der Mensch ist Teil und Gesetzgeber der Gesellschaft. Soweit der Mensch als Teil der Gesellschaft betrachtet wird, bedeutet eine Formalisierung seiner Handlungsorientierungen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der Tat für den einzelnen Menschen einen Befreiungsakt. Er hat sich von persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen gelöst und kann seine formale Identität durch sein gesellschaftliches Handeln selbstverantwortlich realisieren. Wird die formale Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Motiven aber auf dem Menschen als freies Subjekt bezogen, verliert er alle Freiheit. Denn die formale Identität ist raum- und zeitlos und als solches ein vom subjektiven Willen des Menschen unabhängiges konstitutives Prinzip seines gesellschaftlichen Handelns, das er in seinem Handeln wohl anwenden, aber selbst nicht bestimmen kann.
So erfolgreich die modernen Sozialwissenschaften auch bei der Erklärung bestimmter sozialer Phänomene sind, so fragwürdig bleiben ihre theoretischen Voraussetzungen. Jede einzelne Sozialwissenschaft geht von einer bestimmten Abstraktion, von einer spezifischen Bestimmung der formalen Identität, die sie z.B. als anthropologische Konstante (Ökonomie: Mensch als nutzenmaximierendes Wesen, Politologie: Mensch als nach Macht strebendes Wesen usw.) voraussetzen. Damit analysieren sie nur den Menschen als Teil bzw. in einem bestimmten Funktionskreis einer bestimmten historischen Gesellschaft. Der Mensch als freies Subjekt kommt so nicht ins Blickfeld. Gleichzeitig behaupten sie aber genau das Gegenteil. Mit den normativen und politischen Behauptungen, dass die Marktwirtschaft oder die bürgerliche Demokratie die Bedingung der Verwirklichung des Menschen als freies Subjekt seien, überschreiten die modernen Sozialwissenschaften ihre eigenen Grenzen. Auf der anderen Seite verlassen die modernen Metatheorien, wenn sie die historischen oder formalen Bedingungen für das Entstehen der abstrakten Identität des Menschen darstellen, nie das Feld, auf dem die Menschen sich als Teil einer kapitalistischen Gesellschaft bewegen. Um die Menschen als Gesetzgeber ihres eigenen gesellschaftlichen Handelns ins Blickfeld zu bekommen, kann jene formale Identität der Menschen, die sie als Teil der Gesellschaft durch ihr Handeln selbstverantwortlich verwirklichen, nicht einfach als Resultat einer von Willen der einzelnen Menschen unabhängigen Gattungsgeschichte erklärt werden, sondern kann nur das Resultat von sozialen Koordinationsprozessen der Menschen im Hier und Jetzt sein.
Marx hat gezeigt, dass solche Koordinationsprozesse in jeder Gesellschaft stattfinden und die Form von Klassenkämpfen annehmen. Die sozialen Klassenkämpfe finden entsprechend den beiden Bestimmungen des Menschen auf zwei Handlungsebenen statt. Auf der ersten Ebene geht es um die gegenseitige Anerkennung als freies Subjekt bzw. als Gesetzgeber seines eigenen gesellschaftlichen Handelns. Das Resultat des Anerkennungsprozesses ist die Konstituierung einer aktualen Identität des gesellschaftlichen Handelns aller und des Systems subjektiver Ansprüche auf die Resultat dieses Handelns. In jeder Klassengesellschaft wird aber der soziale Anerkennungsprozess ideologisch durch die Fixierung der aktualen Identität als formale soziale Identität und der Verselbständigung des Systems subjektiver Ansprüche gegenüber dem Willen der Menschen als logisches Subjekt, Unbewusstes oder als historisches System von Sitten und Gebräuche, als sozial konstituiertes Selbstbewusstsein oder als System relativer Preise stillgelegt. Die zweite Handlungsebene ist der gesellschaftliche Handlungszusammenhang, in dem die einzelnen Menschen durch ihr Handeln situiert sind und durch dem jene aktuale Identität realisiert wird. Um auf dieser Handlungsebene überhaupt handeln zu können, müssen die Menschen jene aktuale Identität als handlungsleitendendes Prinzip in sich zurückgenommen haben. Aus der Perspektive des gesellschaftlich situierten Subjekts erscheint dann jene aktuale Identität als intersubjektiv geteilte in der Tat als raum- und zeitlos und jeder legt sie von seinem gesellschaftlichen Standort auf je besondere Weise aus. Soziale Auseinandersetzungen haben auf dieser Ebene nur einen instrumentellen Charakter. Es geht den gesellschaftlich situierten Subjekten um die nach ihrer Meinung beste Realisierung der ihnen vorausgesetzten sozialen Identität, es geht ihnen auf der politischen Ebene um die Konstituierung von politischen Rahmenbedingungen und um die Etablierung von sozialen, moralischen oder technischen Standards für ihr Handeln als gesellschaftlich situierte Subjekte, es geht ihnen um sinnvolle Problemlösungen in allen Lebensbereichen usw.
Die modernen Sozialwissenschaften verlassen nie die Handlungsebene des gesellschaftlich situierten Subjekts. Das gilt auch für die Metatheorien, wie z.B. die positivistischen Wissenschaftstheorien, existenzialistische Ansätze, Systemtheorien oder strukturalistische Ansätze.
Anders Marx. Er zeigt, dass die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Teilsysteme mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, die Individualisierung der Lebensführung in modernen Gesellschaften oder die sozialen Auseinandersetzungen im politischen System oder in anderen Lebensbereichen nur die Verwirklichung einer formalen sozialen Identität der Menschen ist, die sie im gesellschaftlichen Klassenkampf im Hier und Jetzt beständig von neuem konstituieren. Mit diesem neuen Verständnis von Gesellschaft ist der Bruch mit jeglicher Metaphysik verbunden, die die formale soziale Identität als etwas vom menschlichen Willen unabhängiges begreift, ob als anthropologische Konstante oder als Diskursethik, als Überich oder als Biomacht usf. Diese reale und theoretische Erstarrung der sozialen Identität in einem abstrakt Allgemeinem, das nur auf der Anwendungsebene bestimmt werden kann, löst Marx in seiner dialektischen Konzeption auf. Diese Konzeption ist bis heute kaum verstanden worden. Sie gilt es neu zu entdecken. Zuvor sollen aber noch einige grundsätzliche Fragen diskutiert werden.
Was ist die allgemeine Tätigkeit und wer ist das Subjekt dieser Tätigkeit?
In der Philosophie und in anderen Metawissenschaften wird oft ein Gegensatz von konkreter und allgemeiner Tätigkeit oder von empirischem und reinem Ich behauptet. Warum?
Diese Unterscheidungen sind mit den Gegensätzen von Teil und Ganzem und Notwendigkeit und Freiheit verknüpft. Die konkrete Tätigkeit eines Menschen hat immer einen besonderen Gegenstand. Dabei ist die Form seiner konkreten Tätigkeit gleichgültig. Ob der Menschen seine Welt sinnlich wahrnimmt oder in irgendeiner Form auf sie einwirkt und verändert, er steht dieser Welt immer als eine von seinem Willen unabhängige Realität gegenüber. In diesem Subjekt-Objekt Gegensatz bleibt der Mensch Teil einer Welt und dessen Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Er hat hier keine Freiheit. Wenn der Mensch sich als freies Wesen verwirklichen will, muss er die Grenze seines sinnlichen Dasein in der raum-zeitlichen Welt überschreiten. Dabei wird seine Subjektivität mit der ihm umgebenden Objektivität, der Welt als Ganzem, eins. Sein Handeln ist jetzt nicht mehr durch sein endliches Dasein, seine sinnlichen Triebe und äußere Zwangsverhältnisse bestimmt, sondern ist in der Identität von Subjekt und Objekt als seinem reinen Wesen fundiert.
Zu den Eckpunkten jeder Metatheorie gehören daher folgende Annahmen:
A. Konstruktion einer Subjekt-Objekt Identität als absolutes Wesen des Menschen
B. Verdopplung der menschlichen Existenz und der menschlichen Handlungsformen
a. Mensch als sinnliches Wesen, der in seinem Handeln seine Umwelt zweckmäßig verändert
b. Mensch als freies Wesen, der in seinem Handeln die Grenze seines sinnlichen Daseins überschreitet
C. Bestimmung einer individuellen Identität als Ableitung aus der Identität des absoluten Wesens
Diese Eckpunkte sollen jetzt anhand der christlichen Naturrechtslehre, der Aufklärungsphilosophie, den modernen Sozialwissenschaften und der Theorie von Marx stichwortartig verdeutlicht werden.
I. Christliche Naturrechtslehre
Historische Produktionsverhältnis: Feudalsystem
A. Nach dem christlichen Weltbild ist die Welt eine Schöpfung Gottes. Der Mensch hat als gottähnliches Wesen an ihr Anteil. Durch die Erkenntnis seiner sinnlichen Bedürftigkeit wird es sich selbst seines sinnlichen Daseins bewusst.
B. Verdopplung des Menschen als Teil des Subjekt-Objekt Gegensatzes:
a. Mensch als sinnliches Wesen ist Teil der weltlichen Ordnung. Die weltliche Ordnung, der Staat, ist Schöpfung der göttlichen Vernunft. In ihr übernimmt jeder Mensch aufgrund seiner inneren, auf Gott zurückgehenden Natur eine bestimmte soziale Rolle.
b. Mensch als geistiges Wesen strebt nach Erlösung durch Verneinung der eigenen sinnlichen Triebhaftigkeit und durch Unterordnung unter den Willen Gottes. (allgemeine Tätigkeit des Gottesdienstes)
C. persönliche Identität des Individuum: a. angeborene soziale Position in einer hierarchisch gegliederten Welt
b. unsterbliche Seele, die den Menschen als gottähnlich charakterisiert.
II. Aufklärung
Historische Produktionsverhältnis: einfache Warenproduktion, Berechenbarkeit der Wirkung des eigenen umweltverändernden Handelns. Freiheit als Macht, die Produkte seines durch rationale Erkenntnis der Natur geleiteten Handelns sich anzueignen.
A. Die Welt ist ein Uhrwerk oder Mechanismus mit kausalen Gesetzmäßigkeiten, die der Mensch rational erkennen kann.
Hier wollen wir noch zwischen realistischen und nominalistischen Theorien unterscheiden. Bei den nominalistischen Theorien unterscheiden wir zusätzlich zwischen empiristischen und rationalistischen Ansätzen.
Realisten (Spinoza, Schelling): absolute Subjekt-Objekt Identität als Identität von Denken und Sein. Adorno und Horkheimer haben später diese Identität als Ergebnis einer Dialektik der Aufklärung abzuleiten versucht.
Nominalisten: absolute Subjekt-Objekt Identität existiert nur nominell. Wirklich sind nur die Einzelnen. Identität des Menschen als freies Subjekt ist durch seine Fähigkeit zur rationalen Erkenntnis bestimmt.
B. Verdopplung des Menschen als Teil des Subjekt-Objekt Gegensatzes:
1. Realisten: Die Subjekt-Objekt Identität hat objektive Realität. als immanentes Prinzip des Handelns
a. Identität des Menschen als sinnliches Subjekt
Spinoza: "Das Vermögen, womit das Einzelding und folglich auch der Mensch sein Sein erhält, ist das Vermögen Gottes oder der Natur selbst nicht sofern er unendlich ist, sondern sofern er durch das wirkliche menschliche Wesen ausgedrückt werden kann.…
Je mehr jemand sein Sein zu erhalten strebt und vermag, um so tugendhafter ist er.…
Absolut aus Tugend handeln ist nichts anderes …, als nach den Gesetzen seiner eigenen Natur handeln. Wir handeln aber nur insofern, sofern wir erkennen … Folglich ist aus Tugend handeln nichts anderes in uns, als nach Leitung der Vernunft handeln, leben, sein Sein erhalten, und zwar … aus dem Grunde, daß man den eigenen Nutzen sucht.…
Nichts Vorzüglichere, sage ich, können sich die Menschen zur Erhaltung ihres Seins wünschen, als daß alle in allem dermaßen übereinstimmen, daß gleichsam alle Geister und Körper Einen Geist und Einen Körper bilden, alle zumal, soviel als möglich, ihr Sein zu erhalten suchen und alle zumal für sich suchen, was allen gemeinschaftlich nützlich ist."(Ethik)
b. Identität des sozialen Körpers
Spinoza: Ein Staat wird gegründet, "indem der Verein das Recht aneignet, welches jeder Einzelne hat, das Recht, sich zu rächen und über Gut und Schlecht sein Urteil zu fällen. Er muß daher die Macht haben, über die Lebensweise allgemeine Vorschriften zu erteilen und Gesetze zu geben und dieselben zur Geltung zu bringen; nicht durch die Vernunft, welche die Affekte nicht einschränken kann, sondern durch Drohungen. Ein solcher, auf Gesetze und die Macht, sich zu erhalten, sich gründender Verein heißt Staat, und diejenigen, welche durch dessen Recht geschützt werden, heißen Bürger."
Schelling: Alles Handeln ist nur Handeln der Einen Substanz. Wissenschaft ist das Streben nach dem Wiederbeleben des Urbildes, dem Inneren, aus dem alles ist.
Nominalisten: Subjekt-Objekt Identität hat allein im Einzelnen Realität
2. Empiristen:
a. Mensch als sinnliches Wesen strebt danach, seinen Nutzen zu maximieren. Es eignet sich die Produkte seiner eigenen, durch rationale Erkenntnis geleiteten Arbeit an.
b. Mensch als freies Wesen: Möglichkeit der Wahl zwischen indifferenten Handlungsalternativen, wobei sein Wille in seiner Wahl durch seine rationale Erkenntnis geleitet wird.(vgl. Locke)
Der Staat garantiert das Eigentum als Objektivation seiner Freiheit zu Wählen.
3. Rationalisten: Die Erkenntnis des Sein ist eingehüllt in der Erkenntnis unserer selbst (vgl. Leibniz)
a. materiales Ich hat eine ihm ausschließlich zugehörige Sphäre möglicher freier Handlungen. Mit dem Eigentumsrecht findet die Anerkennung einer Sphäre freier Wirksamkeit statt.
b. reines Ich ohne Beziehung auf etwas außer ihm hat die Tendenz zur Selbsttätigkeit um der Selbsttätigkeit willen. Es ist das in sich selbst und auf sich selbst Tätige, das sich selbst Bestimmende zum Denken oder Wollen eines Zwecks. (moralische Identität, Entelechie)
Der Staatsbürgervertrag ist ein Vertrag zwischen den Ständen, der die freien Tätigkeiten verteilt. Er gesteht jedem eine bestimmte Raumstelle in der Gesellschaft zu. Der Staat garantiert daher nicht das Eigentum, sondern er setzt das Eigentum erst ein. (vgl. Fichte)
C. Individuum:
Realisten:
a. Identität des einzelnen Individuums als bestimmte Negation von b.
b. Zeitlose Substanz des Menschen
Empiristen:
a. Identität des Körpers: Existenz, der Ort innerhalb einer sozialen Struktur
b. Identität der geistigen Substanz: ein vernunftbegabtes Wesen kann eine Handlung mit derselben Idee, die es zuerst von ihr hatte, wiederholen (Locke)
Rationalisten:
a. Habitus: Möglichkeit oder Fähigkeit etwas zu tun, die sich in einem Menschen ergibt, wenn man diese Fähigkeit durch häufige Ausübung derselben Sache erworben hat.
b. vernünftige Seele mit moralischer Identität, innere Ununterscheidbarkeit. (vgl. Leibniz)
III. Moderne Sozialwissenschaften
Historisches Produktionsverhältnis: kapitalistische Gesellschaft. Die Arbeitskraft wird zur Ware: Berechenbarkeit der menschlichen Existenz und der Beziehung zwischen gesellschaftlichen Handeln und subjektiver Motive. Die Freiheit des Menschen wird neu bestimmt als Möglichkeit zwischen sozialen Rollen zu wechseln und innerhalb einer sozialen Rolle, d.h. als gesellschaftlich situiertes Subjekt, sein Handeln frei zu bestimmen.
1. Die absolute Identität des Menschen als freies Subjekt erscheint nun in seiner Fähigkeit, auf die berechenbar gewordenen Subjekt-Objekt Verhältnisse seiner Mitmenschen zu reflektieren.
Realisten:
Der überwiegende Teil der Frankfurter Schule ist kaum über die Position der Aufklärungsphilosophie hinausgekommen. Daher konnten sie kein positives realistisches Gesellschaftskonzept entwickeln.
Habermas: Mensch als sprach- und handlungsfähiges Subjekt
Empiristen:
Gehlen: Mensch als handelndes und stellungnehmendes Wesen. Die Akte seines Stellungsnehmens nach außen sind Handlungen, mit denen er sich zu etwas macht.
Plessner: Der Mensch ist das Zurechnungssubjekt seiner Welt, eine Stelle des Hervorbringens aller neuzeitlichen Systeme, aus denen seine Existenz Sinn empfängt.
Rationalisten:
Husserl: Mensch als stellungsnehmendes Subjekt.
2. Verdopplung des Menschen als Teil der Reflexionsgemeinschaft, die auf die im Subjekt-Objekt Gegensatz handelnden Subjekte reflektiert:
Realisten:
a. Identität des Menschen als sinnliches Subjekt
Lukacs: Gattungsmäßigkeit an sich: Nutzbarmachung von Naturgesetzlichkeiten in der Arbeit. Sie bleibt auf den Stoffwechsel mit der Natur beschränkt und basiert auf spontane Alternativentscheidungen, die sich auf die konkrete Lage der Menschen beziehen.
Habermas: nicht-intendierte Handlungszusammenhänge entstehen durch funktionale Vernetzung von Handlungsfolgen. (Systemdifferenzierung)
b. Identität des Menschen als freies Subjekt
Lukacs: Gattungsmäßigkeit für sich: sprachlich vermittelte Kooperation. Sprache ermöglicht andere Menschen zu bestimmten teleologischen Setzungen in der Arbeit anzuleiten. Der Klassenkampf als politischer Kampf um Alternativentscheidungen basiert auf bewusste Stellungnahmen des Einzelnen zur gesellschaftlichen Entwicklung.
Habermas: Sozialintegration durch konsensuale Koordination von Handlungsorientierungen. Sie findet vermittels der Zivilgesellschaft statt. Die Zivilgesellschaft ist eine Assoziation, die problemlösende Diskurse zu Fragen allgemeinen Interesses im Rahmen veranstalteter Öffentlichkeit institutionalisiert. Sie besteht aus spontanen Organisationen und Bewegungen, welche die Resonanz, die die gesellschaftlichen Problemlagen in den privaten Lebensbereichen finden, aufnehmen, kondensieren und an die politischen Öffentlichkeiten weiterleiten. Hier wird das veränderte kulturelle Selbstverständnis aufgenommen und in rationalen Verfahren in bindendes Recht umgesetzt.
Empiristen:
a. Mensch als sinnliches Wesen in funktional integrierte Handlungssysteme situiert
Schelsky: Durch die wissenschaftlich-technischen Zivilisation wird ein neues Grundverhältnis von Mensch zu Mensch geschaffen, in welchem das Herrschaftsverhältnis seine alte persönliche Beziehung der Macht von Personen über Personen verliert, an die Stelle der politischen Normen und Gesetze aber Sachgesetzlichkeiten der wissenschaftlich-technischen Zivilisation treten, die nicht als politische Entscheidungen setzbar und als Gesinnungs- oder Weltanschauungsnormen nicht verstehbar sind. Damit verliert auch die Demokratie sozusagen ihre klassische Substanz: an die Stelle eines politischen Volkswillens tritt die Sachgesetzlichkeit, die der Mensch als Wissenschaft und Arbeit selbst produziert. Dieser Tatbestand verändert die Grundlagen unserer staatlichen Herrschaft überhaupt.
Berger/Luckmann: Alltagswelt als vorstrukturierte objektive Welt (System von Habitualitäten), in der der Einzelne als Rollenträger situiert ist.
Giddens: Der Wiederholungscharakter von Handlungen, die in gleicher Weise Tag für Tag vollzogen werden, ist die materiale Grundlage für soziale Systeme.
b. Mensch als freies Subjekt ist Teil einer Reflektionsgemeinschaft
Schelsky: "Der technische Staat entzieht, ohne antidemokratisch zu sein, der Demokratie ihre Substanz. Technisch-wissenschaftliche Entscheidungen können keiner demokratischen Willensbildung unterliegen, sie werden auf diese Weise nur uneffektiv. Wenn die politischen Entscheidungen der Staatsführung nach wissenschaftlich kontrollierten Sachgesetzlichkeiten fallen, dann ist die Regierung ein Organ der Verwaltung von Sachnotwendigkeiten, das Parlament ein Kontrollorgan für sachliche Richtigkeit geworden. Das Volk im Sinne des Ursprungs der politischen Herrschaftsgewalt wird zu einem Objekt der Staatstechniken selbst. Die heute wirksamen Humantechniken der Meinungsforschung, Information, Propaganda und Publizistik machen die politische Willensbildung weitgehend zu einem wissenschaftlich deduzierbaren und manipulierbaren Produktionsvorgang."
Beck: Eine von der Wissenschaft über die Folgeprobleme ihrer eigenen Ergebnisse aufgeklärte kritische Öffentlichkeit definiert Relevanzhorizonte, Strukturdemokratisierung: Entscheidungsfindung in dezentralisierten Entscheidungsprozessen. Bereiche der Subpolitik entstehen.
Berger/Luckmann: Die Sozialstruktur entsteht immer wieder neu durch institutionelle Verfestigung von menschlichen Handlungen und Orientierungen.
Giddens: Die menschliche Akteure sind nicht nur fähig, ihre Aktivität und jene von anderen in der Regelmäßigkeit des Alltagsverhalten zu steuern, sie sind auf der Ebene diskursiven Wissens auch fähig, ‘diese Steuerung zu steuern’.
Der Mensch verwirklicht sich in sozialen Kontakten durch die situative Aktivierung von Hintergrundannahmen und praktischen Ressourcen der Beteiligten
Rationalisten:
a. Mensch als sinnliches Wesen in funktional integrierte Handlungssysteme situiert
Husserl: mathematisch strukturierte Teilsysteme der Gesellschaft
Heidegger: Der Mensch ist in eine Welt geworfen, in der die Menschen aus gegenseitiger Sorge um einander einen sachlichen Zusammenhang eingehen.
Bourdieu, Luhmann, Hardt/Negri: Gesellschaft ist in funktional integrierte Handlungssysteme ausdifferenziert
b. Ein Kommunikationssystem reguliert als Kontrollsystem das Nebeneinander der Menschen als freie Wesen
Husserl: Die intersubjektiv identische Lebenswelt für alle dient als intentionaler Index für die Erscheinungsmannigfaltigkeiten, die es sind, durch die alle Ichsubjekte auf die gemeinsame Welt und ihre Dinge gerichtet sind, als Feld aller im allgemeine Wir verbundenen Aktivitäten.
Heidegger: Der Mensch entwirft sich nicht nur auf je nächste Möglichkeiten, sondern auf die äußerste, die allem faktischen Seinskönnen das Daseins vorgelagert ist.
Luhmann: Steuerung der Handlungssysteme durch Kommunikationssysteme, in denen durch symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien die Grenze des Systems zur Umwelt im System selbst thematisiert werden kann.
Bourdieu: Die Struktur des Raums der Sprachspiele reproduziert die Struktur der objektiven Unterschiede der Existenzbedingungen und zwar vermittels über die Struktur des sprachlichen Feldes als eines Systems sprachlicher Machtverhältnisse, die auf ungleicher Verteilung des Sprachkapitals beruhen. Politisches Handeln stellen sich daher als Klassifikationskämpfe dar, in denen partielle Repräsentationen der sozialen Welt geschaffen und durchgesetzt werden.
Hardt/Negri: Die Entwicklung von Kommunikationsnetzen steht in organischer Verbindung zur Entstehung der neuen Weltordnung – sie ist, mit anderen Worten, Ursache und Wirkung, Produkt und Produzent, Kommunikation ist nicht Ausdruck der Globalisierung, sie organisiert deren Lauf. … Die Produktionswerkzeuge werden in kollektiver Subjektivität sowie in der kollektiven Intelligenz und im kollektiven Affekt der Arbeiter neu zusammengesetzt; Unternehmertum organisiert sich über die Kooperation von Subjekten und über den 'General Intellect'. Damit betritt die Organisation der Menge als politisches Subjekt, als posse die Weltbühne. Die Menge, das ist biopolitische Selbstorganisation.
C: Identität des Individuums:
Realisten:
Habermas: a. Selbst der epistemischen Selbstbeziehung wird aus der Perspektive eines mithandelnden, nicht vergegenständlichten alter ego festgehalten (technisches Wissen)
b. praktisches Selbstverhältnis = performative Einstellung, die durch normativ generalisierte Verhaltenserwartungen reguliert wird. Hier will das handelnde Subjekt nicht erkennen, sondern sich als freien Willen vergewissern.
postkonventionelle Ich-Identität stabilisiert sich durch den Vorgriff auf symmetrische Verhältnisse zwangloser reziproker Anerkennung
Empiristen:
a. Ich als sozial konstruiertes logisches Universum der organisierten Anderen. Um Bewusstsein zu erlangen, muß man die Haltungen der anderen im eigenen Organismus haben, als Kontrollorgan für seine eigenen Handlungen./Mead
b. persönliche Ich: jede einzelne Identitätsstruktur spiegelt einen anderen Aspekt oder eine andere Perspektive der organisierten Beziehungen wider, weil eine jede diese Beziehungen aus ihrer eigenen einzigartigen Position spiegelt./Mead
Rationalisten:
a. Ich als Person, die in der materiellen Welt wirkt, ist ein Exemplar einer Allgemeinheit und seine Beziehungen können formalisiert in mathematisch formulierten Gesetzen werden./Husserl
- Man-Selbst über das nächste faktische Seinskönnen des Daseins ist je schon entschieden (Rollenerwartungen)/Heidegger
- Notwendigkeitsgeschmack/Bourdieu
b. Ich als lebender, stellungsnehmender, motivierter Geist: jeder Geist hat seine Weise der Motivation, er hat in sich selbst seine Motivation. Ich als Träger seiner Habitualitäten hat seine je eigene Geschichte/Husserl
- Eigentliche Selbst als existenziale Modifikation des Man-Selbst durch Zurückholen aus dem Man durch Nachholen der Wahl/Heidegger
- sozial kompetente Bürger besitzen die Fähigkeit objektive Möglichkeiten zu ergreifen/Bourdieu
IV. Die Theorie von Marx
Marx hat das Selbstverständnis der Menschen von sich als freie Subjekte revolutioniert. Schon lange war klar, dass der Mensch nur frei sein konnte in der Distanz zu seinem konkreten Dasein, das immer äußeren Gesetzmäßigkeiten unterworfen bleibt. Nur in der Reflexion auf die Welt kann er eine Welt entwerfen, in der er als freies Subjekt situiert ist. Für die Aufklärungsphilosophie ermöglicht die Erkenntnis der Welt als mathematischen Zusammenhang eine rationale Wahl der Menschen zwischen Handlungsalternativen im Hinblick auf ihren individuellen Nutzen und für die modernen Sozialwissenschaften ermöglicht die Reflexion der Menschen auf ihr soziales Handeln aus der Perspektive eines generalisierten Dritten ihr gemeinsames Hintergrundwissen als intentionalen Index aller möglichen konkreten Handlungen zu rekonstruieren. In der mathematischen Auffassung der Welt oder in dem rekonstruierten Hintergrundwissen existiert die Welt als abstrakte Totalität und der einzelne Mensch als abstraktes Subjekt (als umweltoffenes Wesen, sprach- und handlungsfähiges Subjekt usw.). Die Individualität des Menschen erscheint als etwas sekundäres, als abhängig von seiner Existenz, der Raumstelle, und seinen Stellungnahmen, die er innerhalb der raum-zeitlichen Welt macht, abzuhängen. Tatsächlich ist die Verdinglichung des Menschen, die Mathematisierung der sozialen Welt eine notwendige Voraussetzung dafür, das der Mensch innerhalb der raum-zeitlichen Welt selbstreflexiv (d.h. unabhängig von persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen) handeln kann. Sie ist aber keine hinreichende Bedingung für seine Integrität als freies Subjekt. Bedingung für seine Freiheit ist, dass er Gesetzgeber seines eigenen gesellschaftlichen Handelns ist. Um Gesetzgeber seines eigenen gesellschaftlichen Handelns zu werden reicht es aber nicht aus, dass der Mensch in seinem Handeln durch eine Totalität, mag sie nun als mathematisch bestimmte Welt oder als ein logisches Universum von Verhaltenserwartungen oder von Intentionalitäten bestimmt sein, nicht inhaltlich bestimmt wird, sondern seine je besondere Individualität, sein je besonderer Wille muss in ihr aufgehoben sein.
Frei ist der Mensch nur, wenn sein Handeln nicht in einer abstrakten Totalität sondern in einer konkreten Totalität von subjektiven Ansprüchen fundiert ist. Diese einfache Einsicht verstellen ideologische Denkblockaden, die bis heute von den modernen Sozialwissenschaften gepflegt werden. Sie laufen in der Regel auf die Behauptung eines Gegensatzes von Gesellschaftsformen hinaus, z.B. einen Gegensatz von offener und geschlossener Gesellschaft, von Marktwirtschaft und Verwaltungswirtschaft, von liberaler Staatsverfassung und Supervisionsstaat, von Disziplinargesellschaft und Kontrollgesellschaft usw.
Wie hat Marx dies Gegensatzdenken überwunden und den Menschen als freies Subjekt zu seinem Recht verholfen?
Ausgangspunkt von Marx ist der konkrete Mensch, der durch seine Arbeit sein Leben erzeugt. Die Arbeit des Menschen ist aber nicht nur eine Bearbeitung der Natur, als gesellschaftliche Arbeit ist sie vor allem auch ein Handeln für andere. Damit findet in der Arbeit selbst der Abstraktionsprozess statt, den die Religionen, Philosophie oder Sozialwissenschaften zur privilegierte Eigenschaft des Denkens oder der Sprache erklären. Die Arbeit ist also nach Marx doppelt bestimmt, einerseits als konkrete, umweltverändernde Tätigkeit und andererseits als allgemeine Tätigkeit, als Handeln für andere. Die Arbeit verknüpft durch ihre beiden Dimensionen zwei Modi der menschlichen Existenz. Durch seine konkrete Arbeit übernimmt der Mensch eine bestimmte soziale Rolle innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, er objektiviert sich in einem bestimmten Dasein innerhalb des Subjekt-Objekt Gegensatzes und durch die allgemeine Tätigkeit ist der Mensch zugleich auch Teil einer moralischen Gemeinschaft.
Die Identität von Subjekt und Objekt stellt sich für Marx nicht als metaphysische oder anthropologische Konstruktion dar, sondern wird von ihm als historisch gewordene Identität des Menschen als gesellschaftliches Wesen verstanden. Der Mensch ist durch sein Handeln für andere Teil eines objektiven Zusammenhangs, gleichzeitig ist das Andere als ein System subjektiver Ansprüche auf die Produkte des gesellschaftlichen Handelns Resultat eines sozialen Anerkennungsprozesses.
Diese Identität wird in den Gesellschaften durch die Verdopplung der Menschen durch sie auf zwei unterschiedlichen Handlungsebenen objektiviert.
1. Ebene des Kampfes um Anerkennung der subjektiven Ansprüche auf die Produkte des gesellschaftlichen Handelns für andere. Auf dieser Ebene abstrahieren die Menschen von ihrer sozialen Position innerhalb der Gesellschaft und kämpfen als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft um die Anerkennung ihrer subjektiven Ansprüche. Das Resultat ihres Kampfes ist die Konstitution eines System subjektiver Ansprüche durch die symbolische Bewertung ihrer konkreten Arbeit (in Geld). Dies System subjektiver Ansprüche und Bewertungen ihrer Arbeit wird von den Menschen als Orientierungssystem in sich zurückgenommen und ermöglicht ihnen auf der zweiten Handlungsebene, der Ebene des instrumentellen Arbeit, selbstreflexives Handeln.
Die Verdinglichung der Arbeit im Sinne einer sozialen Bewertung der Arbeit, etwa in Geld, ist Voraussetzung für selbstreflexives Handeln. Sie ist als solche nicht Merkmal von Klassengesellschaften. Klassengesellschaften entstehen erst durch die Trockenlegung des sozialen Anerkennungsprozesses. Dies geschieht durch die Fixierung eines vom menschlichen Willen unabhängigen, sich selbst regulierenden Produktionsverhältnisses. Marx macht u.a. folgende Produktionsverhältnisse aus: das Feudalsystem, in dem die weltliche Ordnung als eine Schöpfung göttlicher Vernunft, jedem Menschen eine seiner inneren Natur entsprechende soziale Positionen und die mit ihr verknüpften Ansprüche vermittelten soll, und die kapitalistischen Gesellschaften, in dem der Markt als ein sich selbst regulierendes System, jedem Markteilnehmer unabhängig von allen demokratischen Entscheidungsprozessen auf makroökonomischer Ebene die Möglichkeit geben soll, aufgrund seiner individuellen Fähigkeiten und Präferenzen eine bestimmte Arbeit mit den entsprechenden Ansprüchen frei zu wählen.
2. Auf der Ebene des instrumentellen Handelns stehen die Handelnden im Subjekt-Objekt Gegensatz. Sie haben das System subjektiver Ansprüche als Orientierungssystem verinnerlicht und realisieren es durch ihr selbstverantwortliches Handeln in einer bestimmten Position der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die modernen Sozialwissenschaften versuchen den Eindruck zu erwecken, dass selbstverantwortliches Handeln erst in kapitalistischen oder postmodernen Gesellschaften möglich wurde. Tatsächlich ist solches Handeln in jeder Gesellschaft möglich. Nur der Orientierungsrahmen ist in jeder Gesellschaft ein anderer.
Die Unterscheidung zwischen den beiden Handlungsebenen findet man auch, wie schon gezeigt in allen anderen Denktraditionen und zu allen Zeiten. Das Neue am Marxschen Ansatz ist aber, das beide Ebenen aus den beiden Dimensionen der gesellschaftlichen Arbeit abgeleitet werden. Für Marx wird die gesellschaftliche Arbeit nicht durch ein eigenes System, das durch vom menschlichen Willen unabhängige Marktlogik reguliert wird, integriert und beschränkt sich das Kommunikationssystem auf allgemeine moralische Fragen der Lebensführung, sondern beide bilden eine dialektische Einheit. Die moralische Gemeinschaft objektiviert sich in einem konkreten System subjektiver Ansprüche, das im System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung durch das selbstverantwortlichen Handeln der gesellschaftlichen Subjekte realisiert wird.
3. Die Identität des einzelnen Menschen. Im Gegensatz zu den modernen Sozialwissenschaften eröffnet Marx uns die Aussicht, wie die Individualität eines Menschen nicht nur aus der Zufälligkeit des äußeren Daseins eines Gattungsexemplars verstanden werden kann, sondern aus der Freiheit des Menschen abgeleitet werden kann.
Die soziale Position innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ist zwar von den Fähigkeiten des einzelnen Individuums abhängig, sie charakterisiert aber nicht seine Identität als freies Subjekt. Diese Identität wird auf der Ebene des Kampfes um soziale Anerkennung konstituiert. Sie besteht nicht, wie die modernen Sozialwissenschaften, die die bestehenden Klassenverhältnisse unkritisch in ihren Theorien abbilden, meinen, als abstrakte Identität eines historischen Subjekts, sondern, jedenfalls der Möglichkeit nach, in der konkreten Identität eines je besonderen Subjekts, nämlich in der Geschichte der sozialen Anerkennung seiner individuellen Ansprüche, die anschließend von allen Handelnden als Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung realisiert wurden.
Teil II. Aufbau des 1. Bandes
Marx kritisiert im "Kapital" die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Diese Kritik hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Die Thematik hat sich aber verschoben. Die Phänomene der Verdinglichung werden heute über den Bereich der Wirtschaft hinaus in allen sozialen Bereichen diskutiert. Die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse wird im Allgemeinen positiv bewertet. Die Durchsetzung der Marktvergesellschaftung, die Anonymisierung der sozialen Beziehungen, die Verwissenschaftlichung der gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse, die Entbürokratisierung des Staates oder die Privatisierung der Vorsorge gegen individuelle Lebensrisiken, die mit dem Abbau von demokratisch legitimierten staatlichen Ausgleichmechanismen und mit der Anerkennung der marktvermittelten Macht- und Einkommensstruktur verbunden sind, wird verbunden mit mehr individueller Freiheit und mit mehr individueller Selbstverantwortung. Auch die Linke stellt diese Bewertung nicht grundsätzlich in Frage. Auch sie bewertet die Anonymisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse als unhintergehbare historische Errungenschaft. Daher fordert sie lediglich einige Korrekturmaßnahmen durch den Staat, mit denen mangelnde Chancengleichheit oder fehlende soziale Gerechtigkeit ausgeglichen werden sollen. Der Ansatz von Marx ist fundamentaler.
Marx geht nicht davon aus, dass die kapitalistischen Gesellschaften ihr eigenes Ideal verfehlen, sondern dass in ihnen die Menschen in einer bestimmten historischen Form als gleiche freie Subjekte anerkannt sind, die notwendig zu kapitalistischen Klassenverhältnissen und damit zu Herrschaftsverhältnissen führen muss. Diese Form ist die Warenform.
Die Warenform ist einerseits die gesellschaftliche Form, in der die Identität des Menschen als gesellschaftliches Subjekt, also die Identität von gesellschaftlichen Handeln für andere und dem System subjektiver Ansprüche in kapitalistischen Gesellschaften erscheint, andererseits legt sie aber auch die Bestimmung dieser Identität im Kampf um soziale Anerkennung subjektiver Ansprüche durch die Annahme einer abstrakten Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen weitgehend still. An die Stelle des Kampfes um Anerkennung treten Marktgesetze oder Kommunikationsprozesse, in denen die abstrakte Identität als konstitutives Prinzip die soziale Anerkennung bestimmt.1)
Marx nimmt in seiner Kritik der politischen Ökonomie sowohl Gedanken von Kant wie von Hegel auf. Da Marx aber im Gegensatz zu Kant und Hegel die Subjekt-Objekt Identität nicht über die Erkenntnistätigkeit der Menschen, sondern über soziale Anerkennungsprozesse vermittelt sieht, sind die Parallelen zwischen ihnen eher struktureller Art. So kommt die Form des Neben- und Nacheinanders der Erscheinungen der Identität bei allen drei Theoretikern nicht den Dingen selbst zu, sondern ist etwas subjektives. Bei Kant sind die Erscheinungen Erscheinungen von Dingen an sich und ihre Formen, Zeit und Raum, kommen nicht den Dingen selbst zu, sondern sind subjektive Bedingungen alles beliebige Sensible durch ein bestimmtes Gesetz einander beizuordnen (vgl. Kant, Logik § 14) 2). Über Kant hinaus hat Hegel einen wichtigen Schritt mit der Erkenntnis gemacht, dass die subjektiven Bedingungen nicht bloß im abstraktem Erkenntnisvermögen besteht, sondern in einer konkreten Idee, in der Inhalt und Form, Wille und Anschauung vermittelt sind. Marx stellt Hegel vom Kopf auf die Füße dadurch, dass er zeigt, dass die konkrete Idee nicht Ergebnis der allgemeinen Tätigkeit des Denkens, sondern von sozialen Anerkennungsprozesse ist, in denen eine aktuale Totalität von gesellschaftlichem Handeln und dem System subjektiver Ansprüche konstituiert wird. Dieser Konstitutionsprozess ist Thema des ersten Bandes vom "Kapital". Wie bei Hegel in seiner Enzyklopädie folgt bei Marx als zweiter Schritt die Objektivierung der aktualen Totalität und in einem dritten Schritt die Darstellung der konkreten Formen, in denen die Menschen die ihnen vorausgesetzte gesellschaftliche Wirklichkeit, subjektiv im aktualen System subjektiver Ansprüche und objektiv in den Resultaten ihres gesellschaftlichen Handelns für andere, durch ihr selbstreflexives und selbstverantwortliches Handeln reproduzieren.
1. Erscheinung der Identität: Warenform (1.-4. Kapitel)
1. Kapitel: Die Ware
Hegel beginnt in der "Logik" mit zwei leeren, mit sich selbst gleichen Bestimmungen, Sein und Nichts. Marx beginnt ähnlich. Er beginnt mit der Ware als Erscheinung der Identität von gesellschaftlichen Handeln für andere und dem System subjektiver Ansprüche. Zunächst stellt sich die Ware als Einheit von Gebrauchswert (GW) und Tauschwert (TW) dar. Beide Momente der Ware existieren aber nur in Beziehung auf andere. Soweit eine Ware als GW betrachtet wird, ist sie GW für andere und soweit sie einen TW hat, ist sie das Produkt der Arbeit für andere, d.h. der allgemeinen Arbeit. Der Warenproduzent abstrahiert von der unmittelbaren Aneignung des GWs der eigenen Arbeit. Er handelt schlechthin für andere und wird gerade dadurch Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Gleichzeitig vermittelt ihm sein gesellschaftliches Handeln für andere in Form des TWs einen subjektiven Anspruch auf die Arbeitsprodukte der anderen. Die Verwandlung der Arbeitsprodukte in Waren vermittelt also in kapitalistischen Gesellschaften die Identität von gesellschaftlichen Handeln für andere mit dem System subjektiver Ansprüche.
Die Identität erscheint in einem konkreten Verhältnis von zwei Waren. Marx spricht hier von der Wertform der Ware. Der TW der einen Ware drückt sich in der konkreten Arbeit, die benötigt wird zur Herstellung des GWs einer anderen Ware, die als Äquivalent der ersten gilt, aus. Solange der TW der ersten Ware in beliebig anderen Waren als seine Äquivalentform ausgedrückt wird, wird die Bestimmung der im TW erscheinenden gesellschaftlichen Arbeit für andere auf dieses besondere Verhältnis beschränkt und der TW der Ware kann mit der jeweiligen, in Äquivalentform erscheinenden Ware wechseln. Wenn der TW einer Ware die in ihr enthaltende gesellschaftliche Arbeit für andere, die von allen Privatproduzenten geleistet wird, ausdrücken soll, muss eine besondere Ware als Äquivalent von allen Warenbesitzern gleichsam als ausgeschlossenes Drittes ihren Waren gegenübergestellt werden. Diese Ware hat dann die Funktion eines allgemeinen Äquivalents oder des Geldes. Marx schließt: "Das zufällige Verhältnis zweier individueller Warenbesitzer fällt fort. Es wird offenbar, daß nicht der Austausch die Wertgröße der Ware, sondern umgekehrt die Wertgröße der Ware ihre Austauschverhältnisse reguliert."(MEW 23, S. 78)
Die Identität von gesellschaftlichen Handeln für andere und dem System subjektiver Ansprüche erscheint jetzt unmittelbar in einem Ding, dem Geld, als abstrakte Identität unabhängig von den ihm zugrundliegenden gesellschaftlichen Beziehungen. Diese Beziehungen erscheinen erst im Austausch. Marx spricht hier vom Fetischcharakter der Ware: "Da die Produzenten erst in gesellschaftlichen Kontakt treten durch den Austausch ihrer Arbeitsprodukte, erscheinen auch die spezifisch gesellschaftlichen Charaktere ihrer Privatarbeiten erst innerhalb dieses Austausches. Oder die Privatarbeiten betätigen sich in der Tat erst als Glieder der gesellschaftlichen Gesamtarbeit durch die Beziehungen, worin der Austausch die Arbeitsprodukte und vermittelst derselben die Produzenten versetzt. Den letzteren erscheinen daher die gesellschaftlichen Beziehungen ihrer Privatarbeiten als das, was sie sind, d. h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen."(MEW 23, S. 87)
2. Kapitel: Der Austauschprozeß
Die politische Ökonomie und die modernen Sozialwissenschaften verbinden mit der Anonymisierung und Quantifizierung der gesellschaftlichen Verhältnisse die Überwindung der persönlichen Abhängigkeitsverhältnisse. Oft führen sie Marx auch als Kronzeugen an, der in kapitalistischen Gesellschaften eine Verwandlung der Menschen in "Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse" konstatiert. Aber für Marx sind diese ökonomischen Verhältnisse, die sich in den Menschen personifizieren, nicht die Austauschverhältnisse, in denen die Menschen ihre abstrakte Identität als freie und gleiche Warenbesitzer realisieren, sondern die kapitalistischen Produktionsverhältnisse mit ihrer spezifischen Herrschaftsstruktur.
Marx stellt fest: "Man hat gesehn, daß die Geldform nur der an einer Ware festhaftende Reflex der Beziehungen aller andren Waren. Daß Geld Ware ist, ist also nur eine Entdeckung für den, der von seiner fertigen Gestalt ausgeht, um sie hinterher zu analysieren. Der Austauschprozeß gibt der Ware, die er in Geld verwandelt, nicht ihren Wert, sondern ihre spezifische Wertform. Die Verwechslung beider Bestimmungen verleitete dazu, den Wert von Gold und Silber für imaginär zu halten. Weil Geld in bestimmten Funktionen durch bloße Zeichen seiner selbst ersetzt werden kann, entsprang der andre Irrtum, es sei ein bloßes Zeichen. Andrerseits lag darin die Ahnung, daß die Geldform des Dings ihm selbst äußerlich und bloß Erscheinungsform dahinter versteckter menschlicher Verhältnisse. In diesem Sinn wäre jede Ware ein Zeichen, weil als Wert nur sachliche Hülle der auf sie verausgabten menschlichen Arbeit. Indem man aber die gesellschaftlichen Charaktere, welche Sachen, oder die sachlichen Charaktere, welche gesellschaftliche Bestimmungen der Arbeit auf Grundlage einer bestimmten Produktionsweise erhalten, für bloße Zeichen, erklärt man sie zugleich für willkürliches Reflexionsprodukt der Menschen."(MEW 23, S. 105f)
3. Kapitel: Das Geld und die Warenzirkulation
Für Marx wie für Hegel existiert das Allgemeine als eine abstrakte Allgemeinheit, sondern als konkrete Totalität und das Besondere und das Allgemeine, Qualität und Quantität gehen für sie ineinander über. Nach Hegel wird im Maß Qualität und Quantität vereint. Wie Hegel unterscheidet Marx die spezifische Quantität (Geld als Maßstab der Preise), das reale Maß (Geld als Zirkulationsmittel und als Zahlungsmittel) und das Maßlose (4. Kapitel: Verwandlung des Geldes in Kapital).
Die spezifische Quantität ist nach Hegel das Quantum in der Beziehung auf sich selbst. Das Quantum ist nach Marx das Geld, welches den Wert der Waren ausdrückt. Die Beziehung auf sich selbst steht das Geld als Maßstab der Preise. Marx fasst den Unterschied zwischen den Geld als Maßstab des Werts und als Maßstab der Preise wie folgt zusammen: "Als Maß der Werte und als Maßstab der Preise verrichtet das Geld zwei ganz verschiedne Funktionen. Maß der Werte ist es als die gesellschaftliche Inkarnation der menschlichen Arbeit, Maßstab der Preise als ein festgesetztes Metallgewicht. Als Wertmaß dient es dazu, die Werte der bunt verschiednen Waren in Preise zu verwandeln, in vorgestellte Goldquanta; als Maßstab der Preise mißt es diese Goldquanta. Am Maß der Werte messen sich die Waren als Werte, der Maßstab der Preise mißt dagegen Goldquanta an einem Goldquantum, nicht den Wert eines Goldquantums am Gewicht des andren. Für den Maßstab der Preise muß ein bestimmtes Goldgewicht als Maßeinheit fixiert werden."(MEW 23, S. 113)
Die Preisform enthält aber nach Marx die Möglichkeit einer quantitativen Inkongruenz zwischen Wertgröße und Preis. Bestimmte Marktverhältnisse können dazu führen, dass Waren, obgleich die in ihnen enthaltene Wertgröße dieselbe geblieben ist, ein unterschiedlicher Preis für eine Ware erzielt wird, oder dass Dinge, die überhaupt keine Waren sind, wie z.B. Gewissen, Ehre usw., durch einen Preis erhalten. Nach Marx ist dies "kein Mangel der Preisform, sondern macht sie umgekehrt zur adäquaten Form einer Produktionsweise, worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann."(MEW 23, S. 117)
Das reale Maß drückt nach Hegel das Verhältnis selbständiger Maße aus. Dies Verhältnis verortet Marx in der Warenzirkulation. Hier fallen Kauf und Verkauf von Waren in zwei selbständige Akte auseinander. Als Vermittler der Warenzirkulation erhält das Geld die Funktion des Zirkulationsmittels.
Das Geld als Zahlungsmittel funktioniert nach Marx als ideelles Kaufmittel. "Obgleich es nur im Geldversprechen des Käufers existiert, bewirkt es den Händewechsel der Ware. Erst am fälligen Zahlungstermin tritt das Zahlungsmittel wirklich in Zirkulation, d.h. geht aus der Hand des Käufers in die des Verkäufers über. Das Zirkulationsmittel verwandelte sich in Schatz, weil der Zirkulationsprozeß mit der ersten Phase abbrach oder die verwandelte Gestalt der Ware der Zirkulation entzogen wurde. Das Zahlungsmittel tritt in die Zirkulation hinein, aber nachdem die Ware bereits aus ihr ausgetreten ist. Das Geld vermittelt nicht mehr den Prozeß. Es schließt ihn selbständig ab, als absolutes Dasein des Tauschwerts oder allgemeine Ware… Im Umlauf des Zirkulationsmittels wird der Zusammenhang zwischen Verkäufern und Käufern nicht nur ausgedrückt. Der Zusammenhang selbst entsteht erst in und mit dem Geldumlauf. Dagegen drückt die Bewegung des Zahlungsmittels einen schon vor ihr fertig vorhandnen gesellschaftlichen Zusammenhang aus."(MEW 23, S. 150f)
4. Kapitel: Die Verwandlung von Geld in Kapital
"Die einfache Warenzirkulation - der Verkauf für den Kauf – dient" nach Marx "zum Mittel für einen außerhalb der Zirkulation liegenden Endzweck, die Aneignung von Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen. Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist dagegen Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos. Als bewußter Träger dieser Bewegung wird der Geldbesitzer Kapitalist. Seine Person, oder vielmehr seine Tasche, ist der Ausgangspunkt und der Rückkehrpunkt des Geldes. Der objektive Inhalt jener Zirkulation - die Verwertung des Werts - ist sein subjektiver Zweck, und nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv seiner Operationen, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewußtsein begabtes Kapital. Der Gebrauchswert ist also nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalisten zu behandeln. Auch nicht der einzelnen Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des Gewinnens… Wenn in der einfachen Zirkulation der Wert der Waren ihrem Gebrauchswert gegenüber höchstens die selbständige Form des Geldes erhält, so stellt er sich hier plötzlich dar als eine prozessierende, sich selbst bewegende Substanz, für welche Ware und Geld beide bloße Formen. Aber noch mehr. Statt Warenverhältnisse darzustellen, tritt er jetzt sozusagen in ein Privatverhältnis zu sich selbst. Er unterscheidet sich als ursprünglicher Wert von sich selbst als Mehrwert… Der Wert wird also prozessierender Wert, prozessierendes Geld und als solches Kapital. … geldheckendes Geld … In der Tat also ist G - W - G' die allgemeine Formel des Kapitals, wie es unmittelbar in der Zirkulationssphäre erscheint." (MEW 23, S. 167ff)
Wodurch kommt es aber zu einer Wertänderung des Geldes. Für Marx kann sie nicht in der Warenzirkulation der Waren selbst erfolgen. Hier werden nur Äquivalente getauscht. "Die Veränderung kann also nur entspringen aus ihrem Gebrauchswert als solchem, d.h. aus ihrem Verbrauch." (MEW 23, S. 181)
Für Marx hat nur eine Ware, durch dessen Gebrauch Mehrwert erzeugt werden kann. Diese Ware ist die Ware Arbeitskraft. Ihr Wert wird durch die Arbeitszeit ausgedrückt, die zur Produktion ihrer Reproduktionsmittel aufgewendet werden muss. Ihr Konsum findet im kapitalistischen Produktionsprozess dadurch statt, dass die Arbeitskraft Waren und damit neue Wert für einen Kapitalisten produziert. Nun ist der Wert der Arbeitskraft durch die zu ihrer Reproduktion notwendige Arbeitszeit festgelegt, der Kapitalist hat aber als Käufer der Ware Arbeitskraft das Recht erworben, die Arbeiter über den Zeitpunkt arbeiten zulassen, bis zu dem sie ihren Gegenwert reproduzieren. In der Mehrarbeitszeit produzieren sie den Mehrwert.
Die Identität von gesellschaftlichen Handeln für andere und dem System subjektiver Ansprüche wird in kapitalistischen Gesellschaften durch die Warenzirkulation in quantitativen Verhältnissen der Handlungsresultate als abstrakte Identität von Warenbesitzern kontinuierlich reproduziert, kann aber zugleich im kapitalistischen Produktionsverhältnis beständig neu bestimmt werden.
2. Wesen: Reflexion des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses in den Bestimmungen des Wertbildungsprozesses (5.-7. Kapitel)
Nachdem Marx gezeigt hat, dass die Identität von gesellschaftlichen Handeln für andere und dem System subjektiver Ansprüche in kapitalistischen Gesellschaften durch die Warenzirkulation in quantitativen Verhältnissen der Arbeitsprodukte als abstrakte Identität von Warenbesitzern kontinuierlich reproduziert wird, zeigt er jetzt, wie die Menschen in ihrer raum- und zeitlosen Identität als Warenbesitzer sich auf sich ihr eigenes gesellschaftliches Handeln für andere, den konkreten gesellschaftlichen Arbeitsprozess, als ein ihnen entgegengesetztes beziehen. Dabei wird das System der subjektiven Ansprüche, das bisher aus dem Nebeneinander der Menschen als Warenbesitzer, die ihre Arbeitsprodukte für andere gegenseitig als Erscheinung des gesellschaftlichen Handelns gleichsetzten und so ihre subjektiven Ansprüche aus der eigenen Arbeit ableiteten, auf den gesellschaftlichen Arbeitsprozess bezogen.
5. Kapitel: Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß
In der Arbeit stehen die Menschen der Natur gegenüber. Subjekt und Objekt sind Seiten eines Gegensatzes. Marx beschreibt den Arbeitsprozess wie folgt: "Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt und kontrolliert."(MEW 23, S. 192) Der Arbeitsprozeß, wie wir ihn in seinen einfachen und abstrakten Momenten dargestellt haben, ist zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerten, Aneignung des Natürlichen für menschliche Bedürfnisse, allgemeine Bedingung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur, ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form dieses Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam."(MEW 23, S. 198)
Ziel der Naturwissenschaften ist, durch die Erkenntnis der objektiven Gesetzmäßigkeiten der Natur den Subjekt-Objekt Gegensatz aufzuheben. Die Aufklärungsphilosophie basiert im Wesentlichem auf einem naturwissenschaftlichen Weltbild. Für sie ist der Mensch dann frei, wenn seine Wahl zwischen Handlungsalternativen auf der rationalen Erkenntnis der Naturgesetze beruht. Mit der durch die rationale Erkenntnis geleiteten Handlung verwirklicht der Mensch die Subjekt-Objekt Identität und überwindet den Subjekt-Objekt Gegensatz.
Das naturwissenschaftliche Weltbild wurde durch Marx und die modernen Sozialwissenschaften überwunden. Für sie hat naturwissenschaftliches Wissen, die Subjekt-Objekt Identität, soweit es um die Bearbeitung der Natur geht, nicht an Bedeutung verloren. Aber gesellschaftliches Handeln wird nicht durch dieses Wissen motiviert. Es ist klar, der Mensch steht immer in einem Subjekt-Objekt Gegensatz und rationales gesellschaftliches Handeln ist nur möglich, wenn dieses Handeln durch eine Subjekt-Objekt Identität motiviert wird. Aber diese Identität wird nicht durch naturwissenschaftliches Wissen konstituiert, sondern existiert als Identität von gesellschaftlichen Handeln für andere und einem System subjektiver Ansprüche, in kapitalistischen Gesellschaften in der Waren- bzw. Geldform der gesellschaftlichen Arbeit.
Wenn rationales gesellschaftliches Handeln der Menschen als Wahl zwischen Handlungsalternativen durch die Identität bestimmt wird, so ist es in kapitalistischen Gesellschaften mit einem recht unterschiedlichen Spielraum verknüpft. Die Menschen nehmen an kapitalistischen Gesellschaften als Warenbesitzer teil.3) Die Freiheit des Warenbesitzer besteht darin, Waren zu verkaufen und zu kaufen, um sie zu konsumieren. Während die Arbeiter nur ihre Arbeitskraft zu verkaufen haben und mit den Waren, die sie kaufen ihre eigene Existenz als Arbeitskraft reproduzieren, verkaufen die Kapitalisten beliebige Waren und kaufen neben Produktionsmittel die Ware Arbeitskraft, die während ihrer Konsumtion im kapitalistischen Produktionsprozess neue Waren produziert. Da die Ware Arbeitskraft während ihrer produktiven Konsumtion durch den Kapitalisten nicht nur Waren produziert, die dem Wert des eingesetzten Kapital entsprechen, sondern mehr Ware und Mehrwert schafft, ist der Kapitalist in der privilegierten Situation, entsprechend seinem persönlichen Willen die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen neu zu bestimmen.
Marx stellt diesen Zusammenhang wie folgt dar: Der Kapitalist will erstens "einen Gebrauchswert produzieren, der einen Tauschwert hat, einen zum Verkauf bestimmten Artikel, eine Ware. Und zweitens will er eine Ware produzieren, deren Wert höher als die Wertsumme der zu ihrer Produktion erheischten Waren, der Produktionsmittel und der Arbeitskraft, für die er sein gutes Geld auf dem Warenmarkt vorschoß. Er will nicht nur einen Gebrauchswert produzieren, sondern eine Ware, nicht nur Gebrauchswert, sondern Wert, und nicht nur Wert, sondern auch Mehrwert. … Wie die Ware selbst Einheit von Gebrauchswert und Wert, muß ihr Produktionsprozeß Einheit von Arbeitsprozeß und Wertbildungsprozeß sein."(MEW 23, S. 201)
Der Kapitalist kauft die Ware Arbeitskraft zu ihrem TW, der ein bestimmtes Quantum gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ausdrückt. Ihr GW ist, dass der Arbeiter einen gewissen Zeitraum gesellschaftlich notwendige Arbeit für den Kapitalisten leitet.
Marx unterscheidet nun Arbeitsprozess, Wertbildungsprozess und Verwertungsprozess. " Vergleichen wir ferner den Wertbildungsprozeß mit dem Arbeitsprozeß, so besteht der letztre in der nützlichen Arbeit, die Gebrauchswerte produziert. Die Bewegung wird hier qualitativ betrachtet, in ihrer besondren Art und Weise, nach Zweck und Inhalt. Derselbe Arbeitsprozeß stellt sich im Wertbildungsprozeß nur von seiner quantitativen Seite dar. Es handelt sich nur noch um die Zeit, welche die Arbeit zu ihrer Operation braucht, oder um die Dauer, während deren die Arbeitskraft nützlich verausgabt wird. Hier gelten auch die Waren, die in den Arbeitsprozeß eingehn, nicht mehr als funktionell bestimmte, stoffliche Faktoren der zweckmäßig wirkenden Arbeitskraft. Sie zählen nur noch als bestimmte Quanta vergegenständlichter Arbeit. Ob in den Produktionsmittel enthalten oder durch die Arbeitskraft zugesetzt, die Arbeit zählt nur noch nach ihrem Zeitmaß. Sie brträgt so viel Stunden, Tage usw. …
Als Einheit von Arbeitsprozeß und Wertbildungsprozeß ist der Produktionsprozeß Produktionsprozeß von Waren; als Einheit von Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß ist er kapitalistischer Produktionsprozeß, kapitalistische Form der Warenproduktion."(MEW 23, S. 109ff)
6. Kapitel: Konstantes Kapital und variables Kapital
Die verschiedenen Faktoren des Arbeitsprozesses nehmen nach Marx verschiedenen Anteil an der Bildung des Produktenwerts. Er unterscheidet zwischen konstantem und variablem Kapital.
"Der Teil des Kapitals also, der sich in Produktionsmittel, d.h. in Rohmaterial, Hilfsstoffe und Arbeitsmittel umsetzt, verändert seine Wertgröße nicht im Produktionsprozeß. Ich nenne ihn daher konstanten Kapitalteil, oder kürzer: konstantes Kapital.
Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dagegen seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder kleiner sein kann. Aus einer konstanten Größe verwandelt sich dieser Teil des Kapitals fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil, oder kürzer: variables Kapital. Dieselben Kapitalbestandteile, die sich vom Standpunkt des Arbeitsprozesses als objektive und subjektive Faktoren, als Produktionsmittel und Arbeitskraft unterscheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwertungsprozesses als konstantes Kapital und variables Kapital."(MEW 23, S. 223f)
7. Kapitel: Die Rate des Mehrwerts
Die Wirklichkeit ist nach Hegel die Einheit von Wesen und Existenz. Die Wirklichkeit des kapitalistischen Produktionsprozesses ist nach Marx die Einheit von Verwertungsprozess und Arbeitsprozess. In dieser Einheit wird die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen kontinuierlich inhaltlich neu bestimmt. Die Bestimmung der Identität liegt nicht schon in der Natur der Sache oder ökonomischer Gesetzmäßigkeiten wie linke Theoretiker von Luxemburg über Bucharin und Trotzky bis zu Adorno und Althusser immer wieder weis zu machen suchten. Sie ist nach Marx vom Willen der Beteiligten abhängig. Vom Kapital als automatisches Subjekt redet Marx nur im Zusammenhang mit der Warenzirkulation. Im Übrigen kann nur derjenige von der Ökonomie als ein enthumanisierten gesellschaftlichen Zusammenhang mit ehernen Gesetzmäßigkeiten reden, der wie die politischen Ökonomen zur Zeit von Marx die abstrakte Identität der Menschen als Substanz oder als absolutes Subjekt versteht.
Das wesentliche soziale Verhältnis, in der die Identität nach Marx bestimmt wird, ist das kapitalistische Produktionsverhältnis. Die Aufteilung des Arbeitstages in notwendige Arbeitzeit und Mehrarbeitszeit bestimmt den Exploitationsgrad der Arbeitskraft durch das Kapital. Durch diese Aufteilung wird die formale Identität der Menschen als Arbeiter oder Kapitalist inhaltlich bestimmt.
Marx fasst zusammen: "Wir haben gesehn, daß der Arbeiter während eines Abschnitts des Arbeitsprozesses nur den Wert seiner Arbeitskraft produziert, d.h. den Wert seiner notwendigen Lebensmittel. … Den Teil des Arbeitstags also, worin diese Reproduktion vorgeht, nenne ich notwendige Arbeitszeit, die während derselben verausgabte Arbeit notwendige Arbeit. Notwendig für den Arbeiter, weil unabhängig von der gesellschaftlichen Form seiner Arbeit. Notwendig für das Kapital und seine Welt, weil das beständige Dasein des Arbeiters ihre Basis.
Die zweite Periode des Arbeitsprozesses, die der Arbeiter über die Grenzen der notwendigen Arbeit hinaus schanzt, kostet ihm zwar Arbeit, Verausgabung von Arbeitskraft, bildet aber keinen Wert für ihn. Sie bildet Mehrwert, der den Kapitalisten mit allem Reiz einer Schöpfung aus Nichts anlacht. Diesen Teil des Arbeitstags nenne ich Surplusarbeitszeit, und die in ihr verausgabte Arbeit: Mehrarbeit (suplus labour). So entscheidend es für die Erkenntnis des Werts überhaupt, ihn als bloße Gerinnung von Arbeitszeit, als bloß vergegenständlichte Arbeit, so entscheidend ist es für die Erkenntnis des Mehrwerts, ihn als bloße Gerinnung von Surplusarbeitszeit, als bloß vergegenständlichte Mehrarbeit zu begreifen. Nur die Form, worin diese Mehrarbeit dem unmittelbaren Produzenten, dem Arbeiter, abgepreßt wird, unterscheidet die ökonomischen Gesellschaftsformationen, z.B. die Gesellschaft der Sklaverei von der der Lohnarbeit.
Da der Wert des variablen Kapitals = Wert der von ihm gekauften Arbeitskraft, da der Wert dieser Arbeitskraft den notwendigen Teil des Arbeitstags bestimmt, der Mehrwert seinerseits aber bestimmt ist durch den überschüssigen Teil des Arbeitstags, so folgt: Der Mehrwert verhält sich zum variablen Kapital, wie die Mehrarbeit zur notwendigen, oder die Rate des Mehrwerts m/v = (Mehrarbeit)/(Notwendige Arbeit). Beide Proportionen drücken dasselbe Verhältnis in verschiedner Form aus, das eine Mal in der Form vergegenständlichter, das andre Mal in der Form flüssiger Arbeit. Die Rate des Mehrwerts ist daher der exakte Ausdruck für den Exploitationsgrad der Arbeitskraft durch das Kapital oder des Arbeiters durch den Kapitalisten."(MEW 23, S. 230ff)
3. Idee: Konstitution eines System subjektiver Ansprüche im kapitalistischen Produktionsverhältnis und seine gegenständliche Wirklichkeit (8. – 25. Kapitel)
In der Zirkulation haben die Menschen durch die Warenform ihrer Handlungsprodukte eine zeitlose Daseinsform erhalten. Sie reproduzieren durch alle Tauschakte hindurch ihre abstrakte Identität als Warenbesitzer, die Identität von gesellschaftlichen Handeln für andere und einem System subjektiver Ansprüche, d.h. sie agieren hier nur als Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse. Die anonymen gesellschaftlichen Verhältnisse der Warenzirkulation stellen sich bei der Analyse des kapitalistischen Produktionsprozesses als ein persönliches Ausbeutungsverhältnis dar, in dem die Identität durch die Kapitalisten, deren Handeln von ihrem Willen nach Mehrwert motiviert wird, neu bestimmt wird. Nun zeigt Marx, wie im kapitalistischen Produktionsverhältnis, ausgehend von einem freien Willenverhältnis zwischen Arbeitern und Kapitalisten, durch die Handelnden selbst, motiviert durch ihren Willen ihre Identität als Warenbesitzer zu reproduzieren, ein System subjektiver Ansprüche auf die Resultate des gesellschaftlichen Handelns und das gesellschaftliche Handeln als ein objektiver Zusammenhang gesellschaftlich notwendiger Arbeit konstituiert wird. Erst durch diese Konstitution der Identität zwischen gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen im kapitalistischen Produktionsverhältnis wird die Arbeit und ökonomisches Handeln überhaupt nicht nur auf der Ebene der Warenzirkulation, sondern auch auf der Ebene der einzelnen Unternehmen berechenbar und in der modernen Betriebswirtschaftslehre wissenschaftlich bestimmbar.
Die Konstitution der Identität folgt nicht aus einem imaginären Begriff des Kapitals, sondern ist Ergebnis eines Klassenkampfes um die Anerkennung subjektiver Ansprüche. Hier ist auch die Differenz zu Hegel auszumachen, der ausgehend vom Subjekt-Objekt Gegensatz eine ideelle Identität im Begriff konstruiert.
A. Subjektivität: Kampf um die soziale Anerkennung von subjektiven Ansprüchen (8. – 9. Kapitel)
In der Warenzirkulation leiten sich die subjektive Ansprüche der Warenbesitzer auf die Produkte des gesellschaftlichen Handelns aus dem TW der eigenen Ware, d.h. der von ihr repräsentierten notwendigen gesellschaftlichen Arbeit, ab. Im kapitalistischen Produktionsverhältnis leisten die Arbeiter gesellschaftlichen Arbeit. Ihre subjektiven Ansprüche leiten sich aus den Verkauf ihrer Ware Arbeitskraft ab. Dieser Anspruch drückt sich in der notwendigen Arbeitszeit aus, in der vom Wert ihrer Ware repräsentiert wird. Der Anspruch der Kapitalisten leitet sich aus dem Recht eines Käufers ab, die Ware Arbeitskraft zu konsumieren, d.h. sie auch über den Zeitpunkt, bis dem die Arbeitskraft notwendige Arbeit zu seiner eigenen Reproduktion leistet, arbeiten zu lassen und sich die Mehrarbeit anzueignen. Die Interessen von Arbeitern und Kapitalisten widersprechen sich. Denn je länger die Arbeiter arbeiten, desto mehr verlieren sie an Lebenskraft und haben freie Zeit für sich. Dieser Interessengegensatz führt zum Kampf um die Länge des Arbeitstages bzw. um die Aufteilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit zur Reproduktion des Arbeiters und Mehrarbeit für den Kapitalisten.
Marx zeigt im 8. Kapitel, wie in einem "vielhundertjährigen Kampf zwischen Kapitalisten und Arbeitern" aus den zunächst willkürlichen Ausbeutungsverhältnissen der rechtlich normierte Arbeitstag hervorgeht. Als Akteure dieses Kampfes um Anerkennung der subjektiven Ansprüche der Arbeiter und Kapitalisten nennt Marx erstens, den Staat, der Sorge um die Gesundheit der Arbeiter, die er als Soldaten zu rekrutieren hofft, hat, die Kapitalisten, denen die Sorge um unlautre Konkurrenz umtreibt, und schließlich die Arbeiter selbst, die sich aus ureigenen Interesse zusammenschließen.
Das Resultat des Kampfes ist aber nicht nur die rechtlich normierter Arbeitstag. Es ist die Konstituierung der Arbeiter und Kapitalisten als soziale Klasse mit normierten subjektiven Ansprüchen. Die Willkür einzelner Personen ist dem Recht gewichen. Auseinandersetzungen gibt es jetzt nicht mehr zwischen einzelnen Personen, sondern zwischen den Klassen. Auf der Ebene des Tarifrechts kämpfen sie um eine Neuaufteilung des Arbeitstages und damit um die Neubestimmung der Identität von gesellschaftlichen Handeln und dem System subjektiver Ansprüche. Durch diese Neubestimmung der Identität werden sie zu Gesetzgebern ihres eigenen gesellschaftlichen Handelns und damit zu freien, in ihrem Handeln sich selbst bestimmenden Subjekten. Freilich, innerhalb der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist ihr Handlungsspielraum begrenzt. Aber das Tarifrecht ist hier die einzigste Handlungsebene, auf der die Menschen als Gesetzgeber ihres gesellschaftlichen Handelns auftreten können.4) Auf politischer Ebene nehmen sie zwar auch die Funktion eines Gesetzgeber ein, sie sind hier aber, da der kapitalistische Staat sich verpflichtet hat, ordnungspolitisch neutral zu verhalten, bezogen auf die Verteilungspolitik, auf Maßnahmen der Fürsorge beschränkt, die die abstrakte Identität der Menschen als Warenbesitzer nicht tangieren.
B. Objektivität: Organisation der gesellschaftlichen Arbeit (10. – 20. Kapitel)
Das subjektive Interesse der Kapitalisten an Mehrwert hat durch die Normierung des Arbeitstages eine gesellschaftlich bestimmte Schranke erfahren. Diese Schranke können die Kapitalisten nur überwinden durch die Senkung der notwendigen Arbeitszeit. Dies geschieht durch die Erhöhung der Produktivität der Arbeit.
"Unter Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit" versteht Marx "überhaupt eine Verändrung im Arbeitsprozeß, wodurch die zur Produktion einer Ware gesellschaftlich erheischte Arbeitszeit verkürzt wird, ein kleinres Quantum Arbeit also die Kraft erwirbt, ein größres Quantum Gebrauchswert zu produzieren. Während also bei der Produktion des Mehrwerts in der bisher betrachteten Form die Produktionsweise als gegeben unterstellt war, genügt es für die Produktion von Mehrwert durch Verwandlung notwendiger Arbeit in Mehrarbeit keineswegs, daß das Kapital sich des Arbeitsprozesses in seiner historisch überlieferten oder vorhandnen Gestalt bemächtigt und nur seine Dauer verlängert. Es muß die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses, also die Produktionsweise selbst umwälzen, um die Produktivkraft der Arbeit zu erhöhn, durch die Erhöhung der Produktivkraft der Arbeit den Wert der Arbeitskraft zu senken und so den zur Reproduktion dieses Werts notwendigen Teil des Arbeitstags zu verkürzen.
Durch Verlängrung des Arbeitstags produzierten Mehrwert nenne ich absoluten Mehrwert; den Mehrwert dagegen, der aus Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit und entsprechender Verändrung im Größenverhältnis der beiden Bestandteile des Arbeitstags entspringt - relativen Mehrwert."(MEW 23, S. 333f)
Die relative Mehrwertproduktion wird durch das subjektive Motiv der Kapitalisten nach Aneignung von Mehrwert angetrieben, ihr Resultat ist eine weitere gesellschaftliche Bestimmung der Identität von gesellschaftlichen Handeln für andere und dem System subjektiver Ansprüche durch das kapitalistische Produktionsverhältnis, diesmal, der gesellschaftlichen Arbeit.
Die Mittel, die die Kapitalisten zur Erzielung eines relativen Mehrwerts anwenden, sind die Kooperation, die Zergliederung des Arbeitsprozesses in Teilfunktionen (Manufaktur) und die Mechanisierung des Arbeitsprozesses. Sie führen zur rationalen Organisation der gesellschaftlichen Arbeit. Die moderne Betriebswirtschaftlehre und Industriesoziologie interpretiert diese Entwicklung als Bürokratisierung, Taylorisierung und Computerisierung der Arbeitsorganisation.
Durch die Produktion des relativen Mehrwerts werden die technischen Prozesse der Arbeit revolutioniert. Der Arbeitsprozess, der zuvor ein individueller war, wird jetzt gesellschaftlich organisiert. "Mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses selbst erweitert sich", nach Marx, "notwendig der Begriff der produktiven Arbeit und ihres Trägers, des produktiven Arbeiters. Um produktiv zu arbeiten, ist es nun nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehn. Die obige ursprüngliche Bestimmung der produktiven Arbeit, aus der Natur der materiellen Produktion selbst abgeleitet, bleibt immer wahr für den Gesamtarbeiter, als Gesamtheit betrachtet. Aber sie gilt nicht mehr für jedes seiner Glieder, einzeln genommen.
Andrerseits aber verengt sich der Begriff der produktiven Arbeit. Die kapitalistische Produktion ist nicht nur Produktion von Ware, sie ist wesentlich Produktion von Mehrwert. Der Arbeiter produziert nicht für sich, sondern für das Kapital. Es genügt daher nicht länger, daß er überhaupt produziert. Er muß Mehrwert produzieren. Nur der Arbeiter ist produktiv, der Mehrwert für den Kapitalisten produziert oder zur Selbstverwertung des Kapitals dient. Steht es frei, ein Beispiel außerhalb der Sphäre der materiellen Produktion zu wählen, so ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Daß letztrer sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik, ändert nichts an dem Verhältnis. Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt, zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftliches, geschichtlich entstandnes Produktionsverhältnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt."(MEW 23, S. 531f)
Der entscheidende Punkt ist hier die Unterscheidung zwischen äußerer und innerer Zweckmäßigkeit. Die äußere Zweckmäßigkeit des gesellschaftlichen Handelns in kapitalistischen Gesellschaften besteht in ihrer technischen Organisation, ihre innere Zweckmäßigkeit besteht in der Produktion von Mehrwert. Obgleich im kapitalistischen Produktionsprozess beide Zweckmäßigkeiten gleichermaßen realisiert sind, werden sie dennoch auf unterschiedlichen Handlungsebenen bestimmt. Die innere Zweckmäßigkeit, der subjektive Anspruch auf Mehrwert, wird im Kampf um Anerkennung, im Kampf zwischen Arbeitern und Kapitalisten um die Normierung des Arbeitstages bzw. der Aufteilung des Arbeitstages in notwendige Arbeitszeit und Mehrarbeitszeit durch die Neubestimmung der Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen fixiert. Auf der Ebene des einzelwirtschaftlichen Handelns realisieren die einzelnen Wirtschaftssubjekte die äußere Zweckmäßigkeit unter der Bedingung, dass jene Identität fixiert ist, d.h. die subjektiven Ansprüche der einzelnen Wirtschaftssubjekte auf die gesellschaftliche Arbeit festgelegt sind und damit die gesellschaftliche Arbeit für die Wirtschaftssubjekte zu einer berechenbaren Größe und entsprechend ihrem individuellem Nutzen einsetzbar geworden ist.
Die modernen Sozialwissenschaften unterscheiden auch zwischen den beiden Zweckmäßigkeiten, z. B. Habermas (instrumentelles und kommunikatives Handeln), Luhmann (Handlungs- und Kommunikationssystem), Castoriades (Ökonomie und Politik), Hardt/Negri (Ökonomie und Kommunikationssystem als immaterielle Arbeit) usw. Diesen Konzepten ist gemeinsam, dass sie von einer abstrakten Identität der Menschen als freie Subjekte ausgehen und von dieser Identität ein formales System subjektiver Ansprüche, das einmal historisch entstanden, nur noch auf der unmittelbaren Handlungsebene durch die Handelnden in einer bestimmten Handlungssituation nach Maßgabe ihrer individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse realisiert werden kann.(Siehe auch Teil I, Was ist die allgemeine Tätigkeit und wer ist das Subjekt dieser Tätigkeit?) An die Stelle des Kampfes um soziale Anerkennung setzen sie eine phylo- und ontogenetische Ableitung der abstrakten Identität des Menschen als freies Subjekt.
Marx macht als Ursache der ideologische Fixierung der Identität die Lohnmystifikation aus.5) Nach den Vorstellungen der politischen Ökonomie wird der Arbeiter für seine Arbeit bezahlt. Damit würde sich die Aufteilung des Arbeitstages in notwendige Arbeitzeit und Mehrarbeitszeit schon aus der Beziehung der Arbeiter und Kapitalisten auf der Ebene der Warenzirkulation ergeben. Der Kampf um soziale Anerkennung wäre dann überflüssig oder erschien als Beeinträchtigung der ökonomischen Rationalität.
Jetzt sollte auch klar geworden sein, was von den Hoffnungen einiger Linken, durch die Demokratisierung der Arbeitsorganisation den Kapitalismus zu überwinden, zu halten ist. Abgesehen davon, dass seit langen in der betriebswirtschaftlichen Literatur 6) darüber diskutiert wird und verstärkt seit Anfang der 90er mit der Umsetzung neuer Produktions- und Unternehmenskonzepte, wie z.B. Qualitätsmanagement oder die lernende Organisation, eine Abflachung betriebliches Hierarchien und eine Dezentralisierung der betrieblichen Entscheidungsprozesse betrieben. Die Demokratisierung und Dezentralisierung der betrieblichen Entscheidungsprozesse wurde durch die neuen Technologien möglich. Sie führten einerseits zu einer Flexibilisierung der Produktion und andererseits zu der Möglichkeit der formalen Erfassung aller Betriebsabläufe durch ein Computersystem. Selbst wenn auf dieser Grundlage Entscheidungen dezentralisiert werden, verlässt hier das Entscheidungssubjekt nicht die Ebene des einzelwirtschaftlichen Handelns, auf der es nur um rationale Problemlösungen im Interesse der Unternehmung geht. Die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen wird von diesen Entscheidungen nicht tangiert.
C. Idee: Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation (21. – 25. Kapitel)
Nach Hegel ist "die Idee wesentlich Prozeß, weil ihre Identität nur insofern die absolute und freie des Begriffs ist, insofern sie die absolute Negativität und daher dialektisch ist. Sie ist der Verlauf, daß der Begriff als die Allgemeinheit, welche Einzelheit ist, sich zur Objektivität und zum Gegensatz gegen dieselbe bestimmt und diese Äußerlichkeit, die den Begriff zu ihrer Substanz hat, durch ihre immanente Dialektik sich in die Subjektivität zurückführt."(Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, § 215) Für Marx ist der Begriff der kapitalistischen Gesellschaft die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen. Diese Identität wird im kapitalistischen Produktionsverhältnis sowohl nach der Seite des Systems subjektiver Ansprüche wie nach der Seite des gesellschaftlichen Handeln kontinuierlich neu bestimmt. Als eine in der gesellschaftlichen Wirklichkeit objektivierte soziale Identität, die beständig durch ihre eigene Bewegung sich in den einzelnen Individuen reproduziert, die diese Identität durch ihr selbstbewusstes Handeln reproduzieren bzw. entwickeln, ist sie mit der Hegelschen Idee vergleichbar.
1. Marx zeigt zunächst, wie die im kapitalistischen Produktionsprozess objektivierte Identität die sie reproduzierenden und entwickelnden Individuen schafft:
"Was aber anfangs nur Ausgangspunkt war, wird vermittelst der bloßen Kontinuität des Prozesses, der einfachen Reproduktion, stets aufs neue produziert und verewigt als eignes Resultat der kapitalistischen Produktion. Einerseits verwandelt der Produktionsprozeß fortwährend den stofflichen Reichtum in Kapital, in Verwertungs- und Genußmittel für den Kapitalisten. Andrerseits kommt der Arbeiter beständig aus dem Prozeß heraus, wie er in ihn eintrat - persönliche Quelle des Reichtums, aber entblößt von allen Mitteln, diesen Reichtum für sich zu verwirklichen. Da vor seinem Eintritt in den Prozeß seine eigne Arbeit ihm selbst entfremdet, dem Kapitalisten angeeignet und dem Kapital einverleibt ist, vergegenständlicht sie sich während des Prozesses beständig in fremdem Produkt. Da der Produktionsprozeß zugleich der Konsumtionsprozeß der Arbeitskraft durch den Kapitalisten, verwandelt sich das Produkt des Arbeiters nicht nur fortwährend in Ware, sondern in Kapital, Wert, der die wertschöpfende Kraft aussaugt, Lebensmittel, die Personen kaufen, Produktionsmittel, die den Produzenten anwenden. Der Arbeiter selbst produziert daher beständig den objektiven Reichtum als Kapital, ihm fremde, ihn beherrschende und ausbeutende Macht, und der Kapitalist produziert ebenso beständig die Arbeitskraft als subjektive, von ihren eignen Vergegenständlichungs- und Verwirklichungsmitteln getrennte, abstrakte, in der bloßen Leiblichkeit des Arbeiters existierende Reichtumsquelle, kurz den Arbeiter als Lohnarbeiter. Diese beständige Reproduktion oder Verewigung des Arbeiters ist das sine qua non der kapitalistischen Produktion."(MEW 23, S.595f)
"Der kapitalistische Produktionsprozeß, im Zusammenhang betrachtet oder als Reproduktionsprozeß, produziert also nicht nur Ware, nicht nur Mehrwert, er produziert und reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalisten, auf der andren den Lohnarbeiter."(MEW 23, S.604)
2. Das Subjekt der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft ist nach Marx der einzelne Kapitalist. Als einzelner Kapitalist, der auf einzelwirtschaftlicher Ebene handelt, ist er nur personifiziertes Kapital.
" Nur soweit der Kapitalist personifiziertes Kapital ist, hat er einen historischen Wert und jenes historische Existenzrecht, das, wie der geistreiche Lichnowski sagt, keinen Datum nicht hat. Nur soweit steckt seine eigne transitorische Notwendigkeit in der transitorischen Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Aber soweit sind auch nicht Gebrauchswert und Genuß, sondern Tauschwert und dessen Vermehrung sein treibendes Motiv. Als Fanatiker der Verwertung des Werts zwingt er rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen, daher zu einer Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiellen Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer höheren Gesellschaftsform bilden können, deren Grundprinzip die volle und freie Entwicklung jedes Individuums ist. Nur als Personifikation des Kapitals ist der Kapitalist respektabel. Als solche teilt er mit dem Schatzbildner den absoluten Bereicherungstrieb. Was aber bei diesem als individuelle Manie erscheint, ist beim Kapitalisten Wirkung des gesellschaftlichen Mechanismus, worin er nur ein Triebrad ist. Außerdem macht die Entwicklung der kapitalistischen Produktion eine fortwährende Steigerung des in einem industriellen Unternehmen angelegten Kapitals zur Notwendigkeit, und die Konkurrenz herrscht jedem individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwährend auszudehnen, um es zu erhalten, und ausdehnen kann er es nur vermittelst progressiver Akkumulation."(MEW 23, S. 618)
Die Bedingungen zur Entwicklung der Identität bzw. der kapitalistischen Gesellschaft, das Kapital zur Bezahlung der Produktionsmittel und der Lohnarbeiter, sammelt er nach Marx nicht durch Sparen an, sondern werden im vorhergehenden kapitalistischen Produktionsprozess selbst erzeugt.
"Um zu akkumulieren, muß man einen Teil des Mehrprodukts in Kapital verwandeln. Aber, ohne Wunder zu tun, kann man nur solche Dinge in Kapital verwandeln, die im Arbeitsprozeß verwendbar sind, d.h. Produktionsmittel, und des ferneren Dinge, von denen der Arbeiter sich erhalten kann, d.h. Lebensmittel. Folglich muß ein Teil der jährlichen Mehrarbeit verwandt worden sein zur Herstellung zusätzlicher Produktions- und Lebensmittel, im Überschuß über das Quantum, das zum Ersatz des vorgeschossenen Kapitals erforderlich war. Mit einem Wort: der Mehrwert ist nur deshalb in Kapital verwandelbar, weil das Mehrprodukt, dessen Wert er ist, bereits die sachlichen Bestandteile eines neuen Kapitals enthält."(MEW 23, S. 606f)
So kommt es nach Marx zum Umschlag des Eigentumsgesetzes, nach dem das Eigentum eines Warenbesitzers auf die Aneignung der eigenen Arbeit beruht.
"Der Austausch von Äquivalenten, der als die ursprüngliche Operation erschien, hat sich so gedreht, daß nur zum Schein ausgetauscht wird, indem erstens der gegen Arbeitskraft ausgetauschte Kapitalteil selbst nur ein Teil des ohne Äquivalent angeeigneten fremden Arbeitsproduktes ist und zweitens von seinem Produzenten, dem Arbeiter, nicht nur ersetzt, sondern mit neuem Surplus ersetzt werden muß. Das Verhältnis des Austausches zwischen Kapitalist und Arbeiter wird also nur ein dem Zirkulationsprozeß angehöriger Schein, bloße Form, die dem Inhalt selbst fremd ist und ihn nur mystifiziert. Der beständige Kauf und Verkauf der Arbeitskraft ist die Form. Der Inhalt ist, daß der Kapitalist einen Teil der bereits vergegenständlichten fremden Arbeit, die er sich unaufhörlich ohne Äquivalent aneignet, stets wieder gegen größeres Quantum lebendiger fremder Arbeit umsetzt. Ursprünglich erschien uns das Eigentumsrecht gegründet auf eigne Arbeit."(MEW 23, S. 609f)
Ein weiteres Resultat der kapitalistischen Akkumulation ist nach Marx: "Indem das Kapital sich die beiden Urbildner des Reichtums, Arbeitskraft und Erde, einverleibt, erwirbt es eine Expansionskraft, die ihm erlaubt, die Elemente seiner Akkumulation auszudehnen jenseits der scheinbar durch seine eigne Größe gesteckten Grenzen, gesteckt durch den Wert und die Masse der bereits produzierten Produktionsmittel, in denen es sein Dasein hat."(MEW 23, S. 630f)
3. Die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen wirkt, wenn sie das Handeln der einzelnen Kapitalisten motiviert, als allgemeines Gesetz der kapitalistischen Akkumulation. Dieses Gesetz besteht darin, dass die Kapitalisten in ihrem Streben nach Mehrwert die Produktivkraft der gesellschaftlichen Arbeit entwickeln und damit die technische Zusammensetzung des Kapitals (stoffliche Verhältnis von Produktionsmitteln zur angewendeten Arbeitsmenge) zugunsten der Produktionsmitteln und die organische Zusammensetzung des Kapitals (Wertzusammensetzung des Kapitals: konstantes und variables Kapital) zugunsten des konstanten Kapitals verändern. Diese Gesetz beinhaltet nach Marx:
a. Konzentration des Kapitals, d.h. die Vergrößerung des individuellen Kapitals und die Zentralisation des gesellschaftlichen Kapitals.(vgl. MEW 23, S. 653ff)
b. Prekärisierung des Existenzbedingungen der Arbeiter
"Das Gesetz, wonach eine immer wachsende Masse von Produktionsmitteln, dank dem Fortschritt in der Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit, mit einer progressiv abnehmenden Ausgabe von Menschenkraft in Bewegung gesetzt werden kann - dies Gesetz drückt sich auf kapitalistischer Grundlage, wo nicht der Arbeiter die Arbeitsmittel, sondern die Arbeitsmittel den Arbeiter anwenden, darin aus, daß, je höher die Produktivkraft der Arbeit, desto größer der Druck der Arbeiter auf ihre Beschäftigungsmittel, desto prekärer also ihre Existenzbedingung: Verkauf der eignen Kraft zur Vermehrung des fremden Reichtums oder zur Selbstverwertung des Kapitals. Rascheres Wachstum der Produktionsmittel und der Produktivität der Arbeit als der produktiven Bevölkerung drückt sich kapitalistisch also umgekehrt darin aus, daß die Arbeiterbevölkerung stets rascher wächst als das Verwertungsbedürfnis des Kapitals."(MEW 23, S. 674)
c. Schließlich enthält das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation nach Marx auch den Grund zur Überwindung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse: die Expropriation der Expropriateure.
"Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellen den und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.(MEW 23, S. 790f)
Hans-Günter Burgholte
Anmerkungen:
1) Marx: "Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge… Dagegen hat die Warenform und das Wertverhältnis der Arbeitsprodukte, worin sie sich darstellt, mit ihrer physischen Natur und den daraus entspringenden dinglichen Beziehungen absolut nichts zu schaffen. Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand."(MEW 23, S. 86)
Exemplarisch für die Sichtweise der modernen Sozialwissenschaften ein Zitat von Simmel: "Die technische Form für den wirtschaftlichen Verkehr schafft ein Reich von Werten, das mehr oder weniger vollständig von seinem subjektiv-personalen Unterbau gelöst ist. … Die Personen, die durch ihre Wünsche und Schätzungen zu dem Vollzuge bald dieses, bald jenes Tausches angeregt werden, realisieren damit für ihr Bewußtsein nur Wertverhältnisse, deren Inhalt schon in den Dingen selbst liegt: das Quantum des einen Objekts entspricht an Wert dem bestimmten Quantum des anderen Objekts, und diese Proportion steht als etwas objektiv Angemessenes und gleichsam Gesetzliches jenen persönlichen Motiven - von denen sie ausgehen und in denen sie endet - ebenso gegenüber, wie wir es entsprechend an den objektiven Werten sittlicher und anderer Gebiete wahrnehmen. … Die Wirtschaft strebt -…- einer Ausbildungsstufe zu, in der sich die Dinge ihre Wertmaße wie durch einen selbsttätigen Mechanismus gegenseitig bestimmen - unbeschadet der Frage, wie viel subjektives Fühlen dieser Mechanismus als seine Vorbedingung oder als sein material in sich aufgenommen hat."(Geld, S. 55)
2) Kant in "Kritik der reinen Vernunft": Die Richtigkeit jenes Grundsatzes, von dem durchgängigen Zusammenhange aller Begebenheiten der Sinnenwelt, nach unwandelbaren Naturgesetzen, steht schon als ein Grundsatz der transzendentalen Analytik fest und leidet keinen Abbruch. Es ist also nur die Frage: ob dem ungeachtet in Ansehung eben derselben Wirkung, die nach der Natur bestimmt ist, auch Freiheit stattfinden könne, oder diese durch jene unverletzliche Regel völlig ausgeschlossen sei. Und hier zeigt die zwar gemeine, aber betrügliche Voraussetzung, der absoluten Realität der Erscheinungen, sogleich ihren nachteiligen Einfluß, die Vernunft zu verwirren. Denn, sind Erscheinungen Dinge an sich selbst, so ist Freiheit nicht zu retten. Alsdenn ist Natur die vollständige und an sich hinreichend bestimmende Ursache jeder Begebenheit, und die Bedingung derselben ist jederzeit nur in der Reihe der Erscheinungen enthalten, die, samt ihrer Wirkung, unter dem Naturgesetze notwendig sind. Wenn dagegen Erscheinungen für nichts mehr gelten als sie in der Tat sind, nämlich nicht für Dinge an sich, sondern bloße Vorstellungen, die nach empirischen Gesetzen zusammenhängen, so müssen sie selbst noch Gründe haben, die nicht Erscheinungen sind. Eine solche intelligibele Ursache aber wird in Ansehung ihrer Kausalität nicht durch Erscheinungen bestimmt, obzwar ihre Wirkungen erscheinen, und so durch andere Erscheinungen bestimmt werden können. Sie ist also samt ihrer Kausalität außer der Reibe; dagegen ihre Wirkungen in der Reihe der empirischen Bedingungen angetroffen werden. Die Wirkung kann also in Ansehung ihrer intelligibelen Ursache als frei, und doch zugleich in Ansehung der Erscheinungen als Erfolg aus denselben nach der Notwendigkeit der Natur, angesehen werden…"(A 565)
3) Nicht zufällig hatten Frauen und andere wirtschaftlich unabhängige Personen in den liberalen Verfassungen des 18. Jahrhunderts kein Wahlrecht.
4) Die mechanistische Ansicht der ökonomischen Verhältnisse und ein unberechtigtes Vertrauen in die Politik hat bis heute einen wirksamen Klassenkampf blockiert. Exemplarisch für diese Ansicht soll Luxemburg genannt werden, die schreibt: "Was aber die rein ökonomische Seite, »den Kampf der Lohnrate mit der Profitrate« betrifft, wie Bernstein es nennt, so wird dieser Kampf, wie gleichfalls bereits gezeigt, nicht in dem freien blauen Luftraum, sondern in den bestimmten Schranken des Lohngesetzes ausgefochten, das er nicht zu durchbrechen, sondern bloß zu verwirklichen vermag."( Sozialreform oder Revolution?, Berlin 1899)
5) Marx: "Man begreift daher die entscheidende Wichtigkeit der Verwandlung von Wert und Preis der Arbeitskraft in die Form des Arbeitslohns oder in Wert und Preis der Arbeit selbst. Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegenteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistische Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie."(MEW 23, S. 562)
6) In den 70er Jahren wurde von einer Reihe gewerkschaftlich orientierter Betriebswirtschaftler eine arbeitsorientierte Einzelwirtschaftslehre (AOEL) und von einer Gruppe um den Schweizer Betriebswirt Peter Ulrich das Konzept einer Unternehmung als quasi-öffentliche Institution entwickelt.
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