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Zum Zusammenhang des dritten Bandes des „Kapitals“ Diese Verkehrung von Gesetz und Freiheit finden wir nicht nur in positivistischen Ansätzen, die aus der Beobachterperspektive, ein System von Gesetzmäßigkeiten, Handlungsgewohnheiten oder Regelmäßigkeiten festzustellen suchen, sondern auch bei hermeneutischen oder handlungstheoretischen Ansätze. Auch wenn sie meinen, ihre Erkenntnis, dass der Wissenschaftler selbst Teil des von ihm untersuchten gesellschaftlichen Zusammenhangs sei, werfe das bisherige Wissenschaftsverständnis über den Haufen, ist es durchaus gleichgültig aus welcher Perspektive Regelmäßigkeiten rekonstruiert werden. Ob über die Beobachtung oder über das Verstehen von Handlungsmotive, in jedem Fall wird eine abstrakte Identität zwischen gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen konstruiert, die als Identität eines freien Subjekts behauptet wird und von der aus die Gesellschaft oder ihr Abbild im Selbstbewusstsein der Menschen als logisches Universum (Mead), Lebenswelt (Husserl, Schütz, Habermas), imaginäre Institution (Castoriades), autopoietisches System (Luhmann) usw. rekonstruiert wird.
Die Frankfurter Schule hat das in den modernen Sozialwissenschaften enthaltene Identitätsdenken kritisiert. Aber ihre Kritik blieb wirr und verließ nie den Standpunkt der Aufklärungsphilosophie.1)
Die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen ist nach Marx weder eine Abstraktion eines Beobachters noch der Standpunkt eines absoluten Subjekts oder gar eine Realabstraktion, etwa in der Warenform, sie ist nach ihm das vorläufige, immer wieder in Klassenkämpfen und in der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit neu bestimmte Resultat von sozialen Anerkennungsprozessen. Diese Identität wirkt auf der unmittelbaren Handlungsebene als soziales Gesetz. Daher ist die Geltung von sozialen Gesetze nur relativ. In kapitalistischen Gesellschaften sind die sozialen Anerkennungsprozesse allerdings durch die Formalisierung der Form, in der die Menschen subjektive Ansprüche geltend machen können, in der Warenform, in der unmittelbar eine Identität zwischen gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen gegeben scheint, weitgehend stillgelegt und ihre subjektiven Ansprüche scheinen sich automatisch aus ihrer Existenz bzw. aus ihrer individuellen Leistung im kapitalistischen Produktionsprozess abzuleiten. Dadurch bekommt die Identität wie die Gesetze, durch die sie im gesellschaftlichen Handeln wirksam ist, einen raum- und zeitlosen Charakter, der, wie Hegel sich einmal ausdrückte "über der Geschichte wie über den Wassern schwebt".
Eine Wissenschaft von der Gesellschaft im Sinne von Marx erschöpft sich also weder in der Nacherzählung der Geschichte noch in der Feststellung von objektiven Gesetzmäßigkeiten. Vielmehr zeigt sie, wie in geschichtlichen Klassenkämpfen eine soziale Identität konstituiert wird, die von den einzelnen Menschen als intentionaler Index ihres gesellschaftlichen Handelns in sich zurückgenommen wird und auf der unmittelbaren Handlungsebene gleichsam als objektive Gesetzmäßigkeit wirkt. Dementsprechend ergibt sich für die drei Bände folgender Zusammenhang: im ersten Band des Kapital stellt Marx die geschichtliche Konstitution der sozialen Identität dar, im zweiten Band zeigt er, wie die Bewegung des Kapitals, die von der soziale Identität als konstitutives Prinzip bestimmt wird, durch alle stofflichen und sachlichen Unterschiede hindurch sich in einem stofflichen Zusammenhang darstellt, und schließlich im dritten Band, wie das gesellschaftliche Subjekt, das zunächst nur das Kapital ist, die Identität in sich zurücknimmt und durch sein selbstverantwortliches Handeln realisiert.
Wenn wir den Unterschied zwischen Hegel und Marx berücksichtigen, dass die Identität von Hegel als Subjekt-Objekt Identität in einem Denkprozess und von Marx als Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen in einem sozialen Anerkennungsprozess konstituiert wird, dann kann man durchaus Ähnlichkeiten beim Aufbau ihrer Systeme erkennen. Allerdings darf man nicht mit plumpen Gleichsetzungen arbeiten, wie z.B. die Gesellschafts- oder Staatsauffassung bei Hegel mit derjenigen bei Marx vergleichen. Man muss vielmehr Hegel lesen wie die Bibel. Wie die Bibel allegorische Darstellungen sittlicher Grundsätze enthält, so enthält die Enzyklopädie eine allegorisch zu deutende Darstellung der Entwicklungsschritte der Identität. Besitzt man diese intellektuelle Beweglichkeit, dann kann man durchaus Ähnlichkeiten zwischen den drei Bänden der Enzyklopädie von Hegel und den drei Bänden von Marx entdecken und für die Interpretation des Marxschen Kapitals nutzbar machen.
In diesem Sinne sollte uns die Hegelsche Problemstellung in seinem dritten Band verständlich werden und auch für die Lektüre des "Kapital" wegweisend sein:
"Auf dieser Stufe verschwindet der Dualismus einer selbständigen Natur oder des in das Außereinander ergossenen Geistes einerseits und des erst für sich zu werden beginnenden, aber seine Einheit mit jenem noch nicht begreifenden Geistes andererseits. Der absolute Geist erfaßt sich als selber das Sein setzend, als selber sein Anderes, die Natur und den endlichen Geist hervorbringend, so daß dies Andere jeden Schein der Selbständigkeit gegen ihn verliert, vollkommen aufhört, eine Schranke für ihn zu sein, und nur als das Mittel erscheint, durch welches der Geist zum absoluten Fürsichsein, zur absoluten Einheit seines Ansichseins und seines Fürsichseins, seines Begriffs und seiner Wirklichkeit gelangt."(Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Frankfurt/Main 1984, S. 31)
Die Einteilung des dritten Bandes ist: die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen als
I. subjektiver Geist des Einzelkapitals: das Einzelkapital erfasst seine Identität (subjektiver Anspruch auf die Produkte des gesellschaftliches Handeln) in unmittelbarer Beziehung auf sich selbst als ein Anderes und hebt seine stoffliche Unterschiede in einem mit sich identisch bleibenden Kapital auf;
II. objektiver Geist in der kapitalistischen Gesellschaft: die Identität erhält im Kapital die Form einer rechtlich eigenständige Person, die sich in ihrem selbstbewussten Handeln den gesellschaftlichen Handlungszusammenhang selbst hervorbringt;
III. absoluter Geist: die Menschen erfassen sich in ihrer Identität als Warenbesitzer als ewig durch sich selbst bestimmte Wesen. Die Verdinglichung der sozialen Verhältnisse in der kapitalistischen Gesellschaft erscheint nun Voraussetzung der Individualisierung der Lebensführung der einzelnen Menschen, als Voraussetzung ihrer individuellen Freiheit.
I. Das Kapital erfasst seine Identität in unmittelbarer Beziehung auf sich
1. Erster Abschnitt: Die Verwandlung von Mehrwert in Profit und der Rate des Mehrwerts in Profitrate
I.
Zunächst macht Marx den Unterschied zwischen dem Wert und den Kostpreis einer Ware deutlich: "Der Wert jeder kapitalistisch produzierten Ware W stellt sich dar in der Formel: W = c + v + m. Ziehn wir von diesem Produktenwert den Mehrwert m ab, so bleibt ein bloßes Äquivalent oder ein Ersatzwert in Ware für den in den Produktionselementen verausgabten Kapitalwert c + v. … Der Wertteil der Ware, der den Preis der verzehrten Produktionsmittel und den Preis der angewandten Arbeitskraft ersetzt, ersetzt nur, was die Ware dem Kapitalisten selbst kostet, und bildet daher für ihn den Kostpreis der Ware… Nennen wir den Kostpreis k, so verwandelt sich die Formel: W = c + v + m in die Formel: W = k + m, oder Warenwert = Kostpreis + Mehrwert."(MEW 25, S. 35)
Die Besonderheit der Kategorie des Kostpreises ist nach Marx, sie hat "in keiner Weise zu tun mit der Wertbildung der Ware oder mit dem Verwertungsprozeß des Kapitals." Der Grund ist einfach: "Innerhalb des Kapitalvorschusses zählt die Arbeitskraft als Wert, aber im Produktionsprozeß fungiert sie als Wertbildner. An die Stelle des Werts der Arbeitskraft, der innerhalb des Kapitalvorschusses figuriert, tritt im wirklich fungierenden produktiven Kapital die lebendige, wertbildende Arbeitskraft selbst."(MEW 25, S. 37)
An dieser Stelle wird der Unterschied zwischen dem erstem und dem drittem Band deutlich. Während im ersten Band, von der Warenform ausgehend, die Konstitution der Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen als ein Prozess der gesellschaftlichen Normierung des Arbeitstages und der Rationalisierung des Einsatzes der lebendigen Arbeit im kapitalistischen Produktionsverhältnis von Marx nachgezeichnet wird, geht es hier im dritten Band darum, wie das Kapital, d.h. auch die im Kapital verdinglichte Identität zwischen gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen, als Ware durch das selbstverantwortliche Handeln ihres Besitzers reproduziert wird. Mit dem Wechsel von der makroökonomischen zur mikroökonomischen Handlungsebene übernimmt die Darstellung im "Kapital" die Perspektive des Warenbesitzers. In dieser Perspektive erscheint das Verhältnis von gesellschaftlicher Arbeit und subjektiven Ansprüchen nur noch in verdinglichter Form.
1. "Der Wert jeder Ware - also auch der Waren, woraus das Kapital besteht - ist bedingt nicht durch die in ihr selbst enthaltne notwendige Arbeitszeit, sondern durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die zu ihrer Reproduktion erheischt ist."(MEW 25, S. 150)
2. "Es ist dem Kapitalisten klar, daß der Wertzuwachs aus den produktiven Vorgängen entspringt, die mit dem Kapital vorgenommen werden, daß er also aus dem Kapital selbst entspringt; denn nach dem Produktionsprozeß ist er da, und vor dem Produktionsprozeß war er nicht da. Was zunächst das in der Produktion verausgabte Kapital betrifft, so scheint der Mehrwert gleichmäßig aus dessen verschiednen, in Produktionsmitteln und Arbeit bestehenden Wertelementen zu entspringen. Denn diese Elemente gehn gleichmäßig in die Bildung des Kostpreises ein. Sie setzen gleichmäßig ihre als Kapitalvorschüsse vorhandnen Werte dem Produktenwert zu und unterscheiden sich nicht als konstante und variable Wertgrößen."(MEW 25, S. 45)
II. Das Kapital als Verhältnis zu sich selbst
Dem Kapital erscheinen die Faktoren, die in den Produktionsprozess eingehen, gleichermaßen als Dinge, die er gekauft hat und dessen Einsatz er im Hinblick auf seinen Nutzen berechnen kann. So schreibt Marx: "Der Kapitalist schießt das Gesamtkapital vor ohne Rücksicht auf die verschiedne Rolle, die seine Bestandteile in der Produktion des Mehrwerts spielen. Er schießt alle diese Bestandteile gleichmäßig vor, nicht nur um das vorgeschoßne Kapital zu reproduzieren, sondern um einen Wertüberschuß über dasselbe zu produzieren."(MEW 25, S. 45) Den Wertüberschuss berechnet der Kapitalist als Profitrate. Sie ergibt sich für ihn aus dem "Verhältnis seines vorgeschossenen Gesamtkapitals zum Überschuß: Profitrate m/C = m/c+v im Unterschiede von der Rate des Mehrwerts m/v."
Das gesellschaftliche Handeln auf einzelwirtschaftlicher Ebene ist das Handeln eines Warenbesitzers. So wird die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen in Form des Warenbesitzers reproduziert. "Obgleich der Überschuß des Werts der Ware über ihren Kostpreis im unmittelbaren Produktionsprozeß entsteht, wird er erst realisiert im Zirkulationsprozeß, und erhält um so leichter den Schein, aus dem Zirkulationsprozeß zu entspringen, als es in der Wirklichkeit, innerhalb der Konkurrenz, auf dem wirklichen Markt, von Marktverhältnissen abhängt, ob oder nicht, und zu welchem Grad, dieser Überschuß realisiert wird. (MEW 25, S. 53) An anderer Stelle schreibt Marx: "Im Mehrwert ist das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit bloßgelegt; im Verhältnis von Kapital und Profit, d.h. von Kapital und dem Mehrwert, wie er einerseits als im Zirkulationsprozeß realisierter Überschuß über den Kostpreis der Ware, andrerseits als ein durch sein Verhältnis zum Gesamtkapital näher bestimmter Überschuß erscheint, erscheint das Kapital als Verhältnis zu sich selbst, ein Verhältnis, worin es sich als ursprüngliche Wertsumme von einem, von ihm selbst gesetzten Neuwert unterscheidet. Daß es diesen Neuwert während seiner Bewegung durch den Produktionsprozeß und den Zirkulationsprozeß erzeugt, dies ist im Bewußtsein. Aber wie dies geschieht, das ist nun mystifiziert und scheint von ihm selbst zukommenden, verborgnen Qualitäten herzustammen."(MEW 25, S. 58)
Auf einzelwirtschaftlicher Handlungsebene ist das Kapital nun in der Lage, die in seinen Handlungsfeld eingehenden Faktoren zu quantifizieren und entsprechend ihrer Wirkung im Hinblick auf den Erfolg zu berechnen. Dies geschieht in mehrfacher Hinsicht:
1. rationale Organisation des Arbeitseinsatzes (MEW 25, S. 60ff)
2. rationale Organisation des Umschlags des eingesetzten Kapitals (4. Kapitel)
3. rationale Anwendung des konstanten Kapitals (5. Kapitel)
Die Höhe der Profitrate scheint den Kapitalisten nun aus seinem Geschäftsgeschick zu entspringen. Dies, schreibt Marx, "verleitet den Kapitalisten - überzeugt ihn -, daß sein Profit geschuldet ist, nicht der Exploitation der Arbeit, sondern wenigstens teilweise auch andern, davon unabhängigen Umständen, namentlich aber seiner individuellen Tat."(MEW 25, S. 148)
III. Widersprüche
Das Handeln der Kapitalisten, das auf einzelwirtschaftlicher Ebene durch ihre Identität als Warenbesitzer bestimmt ist, kann mit der auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene bestimmten Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen in Widerspruch geraten. Dieser Widerspruch kann auch mit Keynes als Widerspruch zwischen der einzelwirtschaftlichen Rationalität der Einzelkapitale und der gesamtwirtschaftlichen Rationalität beschrieben werden.
Marx beschreibt im 6. Kapitel einzelne Phänomene dieses Widerspruchs und Lösungsansätze:
1. Preisverfall des konstanten Kapitals aufgrund technischer Innovationen(MEW 25, S. 123)
2. Überproduktion (z.B. MEW 25, S. 129)
3. Versuche der Beseitigung von Überproduktion durch kapitalistische Kartelle oder staatliche Regulationsmechanismen (z.B. MEW 25, S. 129f)
4. Arbeitslosigkeit und staatliche Beschäftigungsprogramme, mit Regeln, die an die Regel von Hartz IV erinnern. (vgl. MEW 25, S. 143).
2. Zweiter Abschnitt: Die Verwandlung des Profits in Durchschnittsprofit
Marx hat jetzt das Kapital formal als ein selbständiges, auf sich selbst beziehendes Kapital bestimmt. Das Kapital existiert aber nicht als dieses abstrakt Allgemeines. Es nimmt eine besondere Stelle in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ein und muß, um als selbstreflexives Subjekt agieren zu können, den gesellschaftlichen Handlungszusammenhang in einer Form in sich zurücknehmen, in der zugleich auch sein besonderer Zweck aufgehoben ist.
Die bürgerlichen Sozialwissenschaften stellen das Problem der Vermittlung zwischen Allgemeinen und Besonderen, zwischen Gesellschaft und Einzelnen als einen evolutionären Prozess dar, in dem traditionellen Bindungen und hierarchische Sozialstrukturen durch die Formalisierung der gesellschaftlichen Beziehungen (, Entstehung der Marktvergesellschaftung, des Rechtsstaats usw.,) aufgelöst werden, der Einzelne die Gesellschaft als abstrakte Totalität von Handlungsgewohnheiten oder in Form formaler Handlungsprinzipien in sich zurücknimmt und so, von äußerlichen und innerlichen Bindungen befreit, eigenverantwortlich seine kontingente Lebensgeschichte übernehmen kann.
Wir hatten schon bei der Diskussion des ersten Bandes gesehen, dass die Formalisierung der gesellschaftlichen Beziehungen in den kapitalistischen Gesellschaften keine Befreiung von äußeren Herrschaftsverhältnissen und inneren Zwangsvorstellungen beinhaltet, sondern im Gegenteil die Form ist, durch die die kapitalistischen Klassenverhältnisse einen raum- und zeitlosen Charakter annehmen. Auch ist die kapitalistische Gesellschaft, wie sie den Einzelnen, dessen gesellschaftliche Existenz im Kapital aufgehoben ist, als stofflicher Zusammenhang entgegentritt, nicht einfach, wie der zweite Band des "Kapital" gezeigt hat, sachlich bedingt, sondern ein Zusammenhang, der durch das Kapitalverhältnis reguliert wird.
Nichtsdestoweniger muß der Einzelne, um selbstverantwortlich handeln zu können, die Gesellschaft als Ganzes in sich zurücknehmen. Die Form, in der in kapitalistischen Gesellschaften der Einzelne die Gesellschaft als intentionalen Index in sich zurücknimmt ist die verdinglichte Identität als Warenbesitzer. Diese Identität existiert im Kapital zunächst abstrakt. Dadurch aber, dass das Kapital für andere handelt, sich in einem besonderen Gegenstand objektiviert, und um Anerkennung seiner subjektiven Ansprüche (auf die Produkte des Handelns der anderen) durch die anderen kämpft, konkretisiert sich die Identität im Prozess der Anerkennung als konkrete Identität, als konkrete Totalität subjektiver Ansprüche, die als gesellschaftliches Bewusstsein von den Beteiligten in sich zurückgenommen wird. In kapitalistischen Gesellschaften ist dieser Anerkennungsprozess auf einzelwirtschaftlicher Handlungsebene der Konkurrenzkampf.
Marx stellt diesen Anerkennungsprozess zunächst im Zusammenhang mit der Bildung der Durchschnittsprofitrate dar.
Ausgangspunkt ist die unterschiedliche organische Zusammensetzung des Kapitals. Sie führt zu unterschiedlichen Profitraten. Die Konkurrenz führt zum Ausgleich.
"Infolge der verschiednen organischen Zusammensetzung der in verschiednen Produktionszweigen angelegten Kapitale", schreibt Marx"; infolge daher des Umstandes, daß je nach dem verschiednen Prozentsatz, den der variable Teil in einem Gesamtkapital von gegebner Größe hat, sehr verschiedne Quanta Arbeit von Kapitalen gleicher Größe in Bewegung gesetzt werden, werden auch sehr verschiedne Quanta Mehrarbeit von ihnen angeeignet oder sehr verschiedne Massen Mehrwert von ihnen produziert. Demgemäß sind die Profitraten, die in verschiednen Produktionszweigen herrschen, ursprünglich sehr verschieden. Diese verschiednen Profitraten werden durch die Konkurrenz zu einer allgemeinen Profitrate ausgeglichen, welche der Durchschnitt aller dieser verschiednen Profitraten ist. Der Profit, der entsprechend dieser allgemeinen Profitrate auf ein Kapital von gegebner Größe fällt, welches immer seine organische Zusammensetzung, heißt der Durchschnittsprofit."(MEW 25, S. 167)
Natürlich kann es auch Abweichungen vom Durchschnittsprofit geben. Marx macht bestimmte Marktverhältnisse für diese Abweichungen verantwortlich. Sie führen zu einer zeitlich begrenzten Abweichungen des individuellen Werts einer Ware von ihren Marktwert (siehe MEW 25, S. 187ff). Die absolute Form, in der das Kapital sich als gesellschaftliche Macht, der Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen, bewusst wird und ihre Bewegung bestimmt, bleibt aber stets der Durchschnittsprofit.
"Bei der kapitalistischen Produktion handelt es sich nicht nur darum, für die in Warenform in die Zirkulation geworfne Wertmasse eine gleiche Wertmasse in andrer Form - sei es des Geldes oder einer andren Ware - herauszuziehn, sondern es handelt sich darum, für das der Produktion vorgeschoßne Kapital denselben Mehrwert oder Profit herauszuziehn wie jedes andre Kapital von derselben Größe, oder pro rata seiner Größe, in welchem Produktionszweig es auch angewandt sei; es handelt sich also darum, wenigstens als Minimum, die Waren zu Preisen zu verkaufen, die den Durchschnittsprofit liefern, d.h. zu Produktionspreisen. Das Kapital kommt sich in dieser Form selbst zum Bewußtsein als eine gesellschaftliche Macht, an der jeder Kapitalist teilhat im Verhältnis seines Anteils am gesellschaftlichen Gesamtkapital."(MEW 25, S. 205)
Noch ein Wort zum Verhältnis von Wert und Produktionspreis: in diesem Verhältnis drückt sich das Verhältnis zwischen der Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen, die auf makroökonomische Ebene konstituiert wurde, und der Identität des Kapitals, die sich auf mikroökonomischer Ebene im Konkurrenzkampf herausbildet, aus. Für alle, bei denen die Wissenschaft sich darin erschöpft, die gesellschaftliche Wirklichkeit in ein mathematisches oder logisches Universum zu verwandeln, und die kapitalistische Gesellschaft unkritisch als das nehmen was sie ist, als ein Zusammenhang von Dingen, wird sich die auf makroökonomischer Ebene in sozialen Kämpfen konstituierte Identität in eine abstrakte Identität, in eine raum- und zeitlose Bestimmung des menschlichen Wesen, verwandeln, die auf der mikroökonomischen Handlungsebene das Handeln der Wirtschaftssubjekte unmittelbar bestimmt. Die Warenform ist aber mehr als eine bloße Tauschabstraktion. Die Konstitution und Realisation der Identität bilden zwei unterschiedliche Handlungsebenen, auf denen die Menschen sich in unterschiedlicher Weise begegnen und als gesellschaftliche Subjekte anerkennen. Dieser Unterschied macht sich in der Unterscheidung von Wert und Produktionspreis geltend. Dennoch besteht zwischen ihnen ein innerer Zusammenhang. Marx beschreibt ihn wie folgt:
"Alle Wechsel im Produktionspreis der Waren lösen sich auf in letzter Instanz in einen Wertwechsel, aber nicht alle Wechsel im Wert der Waren brauchen sich in einem Wechsel des Produktionspreises auszudrücken, da dieser bestimmt ist nicht allein durch den Wert der besondren Ware, sondern durch den Gesamtwert aller Waren. Der Wechsel in Ware A kann also ausgeglichen sein durch einen entgegengesetzten der Ware B, so dass das allgemeine Verhältnis dasselbe bleibt."(MEW 25, S. 216)
3. Dritter Abschnitt: Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate
Das einzelwirtschaftliche Streben der einzelnen Kapitalisten nach einem Durchschnittsprofit hat sich als die absolute Form in den kapitalistischen Gesellschaften erwiesen, in der die einzelnen Kapitale, von Raum und Zeit unabhängig, die gesellschaftlich konstituierte Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen reproduzieren. Dennoch ist das Verhältnis zwischen dem Profitstreben der einzelnen Kapitalisten und seinem gesellschaftlichen Voraussetzungen nicht widerspruchsfrei. Nach Marx kommt dies widersprüchliche Verhältnis im Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate zum Ausdruck.
Marx schreibt: "Nimmt man eine gegebne Arbeiterbevölkerung, z.B. von zwei Millionen, nimmt man ferner, als gegeben, Länge und Intensität des Durchschnittsarbeitstags sowie den Arbeitslohn und damit das Verhältnis zwischen notwendiger und Mehrarbeit, so produziert die Gesamtarbeit dieser zwei Millionen und ebenso ihre Mehrarbeit, die sich in Mehrwert darstellt, stets dieselbe Wertgröße. Aber es fällt mit der wachsenden Masse des konstanten - fixen und zirkulierenden - Kapitals, das diese Arbeit in Bewegung setzt, das Verhältnis dieser Wertgröße zum Wert dieses Kapitals, der mit seiner Masse, wenn auch nicht im selben Verhältnis, wächst. Dies Verhältnis und daher die Profitrate fällt, obgleich nach wie vor dieselbe Masse lebendiger Arbeit kommandiert und dieselbe Masse Mehrarbeit vom Kapital aufgesaugt wird. Das Verhältnis ändert sich, nicht weil die Masse der lebendigen Arbeit fällt, sondern weil die Masse der von ihr in Bewegung gesetzten bereits vergegenständlichten Arbeit steigt. Die Abnahme ist relativ, nicht absolut, und hat in der Tat mit der absoluten Größe der in Bewegung gesetzten Arbeit und Mehrarbeit nichts zu schaffen. Der Fall der Profitrate entsteht nicht aus einer absoluten, sondern aus einer nur relativen Abnahme des variablen Bestandteils des Gesamtkapitals, aus ihrer Abnahme, verglichen mit dem konstanten Bestandteil."(MEW 25, S. 226f)
Die Kapitalisten können bei ständiger Konkurrenz untereinander ihr individuelles Motiv, Profit zu machen, nur durch die ständige Entwicklung der Produktivkräfte der Arbeit verwirklichen. Der Einsatz neuer Technologien führt aber tendenziell zu einer relativen Erhöhung des Kapitals gegenüber dem variablen Kapital und mit bei gleichbleibender Mehrwertrate zum Fall der Profitrate.
Nach Marx hat diese allgemeine, sich über die Konkurrenz durchsetzende Tendenz eine positive und eine negative Seite.
1. Die positive Seite: Das Kapital entwickelt bei seinen grenzenlosen Streben nach Profit die gesellschaftlichen Produktivkräfte. Hierin sieht er auch die historische Berechtigung des Kapitals. "Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ist die historische Aufgabe und Berechtigung des Kapitals. Eben damit schafft es unbewußt die materiellen Bedingungen einer höhern Produktionsform."(MEW 25, S. 267)
2. Die negative Seite: Das Profitstreben führt zu einer zyklischen Überproduktion von Kapital. In der Überproduktion offenbart sich der Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums, also der Widerspruch, der in der Konstitution der Identität zwischen gesellschaftlichen handeln und subjektiven Ansprüche in den kapitalistischen Gesellschaften angelegt ist. Es wird nur zuviel im Verhältnis zu den Bedürfnissen der Menschen, sondern im Verhältnis zu den verwertbaren Kapital produziert.
"Selbst aber unter der gemachten äußersten Voraussetzung", schreibt Marx, "ist die absolute Überproduktion von Kapital keine absolute Überproduktion überhaupt, keine absolute Überproduktion von Produktionsmitteln. Sie ist nur eine Überproduktion von Produktionsmitteln, soweit diese als Kapital fungieren und daher im Verhältnis zu dem mit ihrer angeschwollnen Masse geschwollnen Wert eine Verwertung dieses Werts einschließen, einen zusätzlichen Wert erzeugen sollen.
Es wäre aber trotzdem Überproduktion, weil das Kapital unfähig würde, die Arbeit in einem Exploitationsgrad auszubeuten, der durch die "gesunde", "normale" Entwicklung des kapitalistischen Produktionsprozesses bedingt ist, in einem Exploitationsgrad, der wenigstens die Masse des Profits vermehrt mit der wachsenden Masse des angewandten Kapitals; der also ausschließt, daß die Profitrate im selben Maß sinkt, wie das Kapital wächst, oder gar, daß die Profitrate rascher sinkt, als das Kapital wächst.
Überproduktion von Kapital heißt nie etwas andres als Überproduktion von Produktionsmitteln - Arbeits- und Lebensmitteln -, die als Kapital fungieren können, d.h. zur Ausbeutung der Arbeit zu einem gegebnen Exploitationsgrad angewandt werden können; indem das Fallen dieses Exploitationsgrads unter einen gegebnen Punkt Störungen und Stockungen des kapitalistischen Produktionsprozesses, Krisen, Zerstörung von Kapital hervorruft. Es ist kein Widerspruch, daß diese Überproduktion von Kapital begleitet ist von einer mehr oder minder großen relativen Überbevölkerung. Dieselben Umstände, die die Produktivkraft der Arbeit erhöht, die Masse der Warenprodukte vermehrt, die Märkte ausgedehnt, die Akkumulation des Kapitals, sowohl der Masse wie dem Wert nach, beschleunigt und die Profitrate gesenkt haben, dieselben Umstände haben eine relative Überbevölkerung erzeugt und erzeugen sie beständig, eine Überbevölkerung von Arbeitern, die vom überschüssigen Kapital nicht angewandt wird wegen des niedrigen Exploitationsgrads der Arbeit, zu dem sie allein angewandt werden könnte, oder wenigstens wegen der niedern Profitrate, die sie bei gegebnem Exploitationsgrad abwerfen würde."(MEW 25, S. 265f)
Gegentendenzen sieht Marx in
1. Erhöhung der Mehrwertrate, z.B. durch Verlängerung der Arbeitstages oder die Senkung des Arbeitslohnes;
2. Ökonomisierung der Anwendung des konstanten Kapitals, z.B. durch technologische Neuerungen, die aufwendige Produktionsabläufe und damit das in ihnen gebundene Kapital überflüssig machen;
4. Entstehen neuer arbeitsintensiver Branchen;
5. Handel mit dem Ausland, d.h. ausnutzen der in höheren Mehrwertrate im Ausland;
6. Zunahme des Aktienkapitals, das nicht in die Ausgleichung der allgemeinen Profitrate eingeht, weil die Teilhaber nicht an der Profitrate, sondern an der Dividende bzw. der Verzinsung ihres eingesetzten Kapitals interessiert sind.
4. Exkurs: Globalisierung
Die Globalisierung ist nicht einfach die Fortführung oder die Intensivierung der Phase des Imperialismus, wie sie Lenin beschriebt. Die materielle Voraussetzungen, auf der der Kampf um neue Absatz- und Rohstoffmärkte in der Vergangenheit geführt wurde, die relativ geschlossenen nationalen Volkswirtschaften, sind erodiert. Die Globalisierung des Kapitals führt heute zu einem Weltmarkt mit – und das ist die entscheidende Differenz zu früher – einem sich tendenziell international immer mehr ausgleichenden Einkommenssystem.
Damit hat die Globalisierung einerseits die gleiche Wirkung wie der internationale Handel, die Marx schon beschrieben hat, nämlich die Nutzung höherer Mehrwertraten innerhalb der anderen Volkswirtschaften durch das internationale Kapital. Gleichzeitig reißt der Weltmarkt aber auch die Schranken der bisher national bestimmten Einkommens- und Tarifsysteme ein. Die Bestimmung der Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen, die bisher im Rahmen nationale Tarifauseinandersetzungen und staatlicher Umverteilungspolitik stattfand, hat sich heute von den nationalstaatlich organisierten demokratischen Entscheidungsprozessen, soweit man davon in kapitalistischen Staaten überhaupt sprechen darf, abgekoppelt. Sie wird heute von den global operierenden Kapital mehr oder weniger selbstherrlich in ihrem Interesse vorgenommen. Das Resultat dieser oligarchischen Herrschaft des Kapitals ist die Angleichung der internationalen Einkommenssysteme.
Heute gibt es keine ernstzunehmende Gegenmacht zum internationalen Kapital. Im Gegenteil. Die Nationalstaaten konkurrieren um die Gunst des Kapitals und versuchen den veränderten ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen durch den Abbau des Sozialstaates gerecht zu werden. Das beste Beispiel sind die Reformen der Sozialversicherungssysteme und der Arbeitslosenunterstützung in der BRD.
Die Globalisierung hat von einer Produktionsverlagerung des Kapitals in Billiglohnländer und in dessen Folge zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit und einer Zunahme von sozialversicherungsfreien prekären Beschäftigungsverhältnisse geführt. Mit der Verabschiedung eines Systems der Vollbeschäftigung und der Verringerung der sozialversicherungspflichtigen Normalarbeitsverhältnisse verloren die nationalen Sozialversicherungssysteme ihre materielle Basis. Die Sozialversicherungssysteme waren mit subjektiven Ansprüchen konfrontiert, die sie nicht mit Leistungen ihrer Beitragszahler als Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung mehr decken konnte.
Statt die Rückkehr zur Vollbeschäftigung und den Erhalt der sozialversicherungspflichtigen Normalarbeitsverhältnisse zu fordern, beschränkt die Politik sich heute auf den Erhalt der subjektiven Ansprüche der Globalisierungsgewinner. Die politischen Parteien verabschieden sich vom Sozialstaat und reformieren die Sozialsysteme so, dass die in der durch das global operierende Kapital geschaffene neue Einkommensstruktur begünstigten Einkommensgruppen von ihrer sozialen Verantwortung für die Globalisierungsverlierer entlastet werden.
Trotz der manchmal erheblich erscheinenden ideologischen Unterschiede zwischen neoliberalen und linken Politikern beschränken sich alle auf die Verwaltung der Konsequenzen aus der vom Kapital neu geschaffenen Einkommensverteilung. Wenn Linke, sich auf Gorz oder Rifkin berufend, ein bedingungsloses Grundeinkommen oder die moralische Aufwertung von ehrenamtlicher oder eigenverantwortlicher Tätigkeit fordern, dann verlassen sie kaum den neoliberalen Konsens, der Sicherung der marktvermittelten Einkommens- und Machtstruktur durch Ruhigstellung der Globalisierungsverlierer mit einem existenzsichernden Grundeinkommen.
Wirkliche Gegenmacht kann nur auf der Ebene der gesellschaftlichen Gesetzgebung aufgebaut werden. Diese Ebene ist nicht in erster Linie der bürgerliche Staat, sondern die Ebene der Konstitution der Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektive Ansprüche, also auf der Ebene des Klassenkampfes. Wie im 19. Jahrhundert auf nationaler Ebene müssen die Arbeiter, die durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung zusammengeschlossen sind, sich heute auf internationaler Ebene zusammenschließen und ein einheitliches Tarifrecht gegen die Kapitalisten durch setzen. Damit würden sie nicht mehr Opfer, sondern Gesetzgeber ihres eigenen gesellschaftlichen Handelns und der Globalisierung werden. Sicher erfordert das eine erhebliche Umverteilung der Einkommen, gegen die es erheblichen Widerstand besonders auch unter den Erwerbstätigen innerhalb der sogenannten 1. Welt geben, die bisher von der Globalisierung profitiert haben. Aber alle haben sich zu entscheiden, wollen sie weiterhin passive Mitglieder der Günstlingswirtschaft des globalen Kapitals bleiben oder wollen sie als gleichberechtigte Mitglieder einer demokratischen Gemeinschaft anerkannt werden, in der jeder, unabhängig von seinen zufälligen sozialen Ort und seiner individuellen Leistung innerhalb der internationalen Arbeitsteilung, um die soziale Anerkennung seiner subjektiven Ansprüche kämpfen kann.
II. Der objektive Geist im Kapitalismus
Im Durchschnittsprofit ist das subjektive Motiv des Kapitalisten von den anderen Kapitalisten als Realisation der Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen, wie sie Resultat sozialer Anerkennungsprozesse, in denen die Menschen als Arbeiter und Kapitalisten auch innerhalb der kapitalistischen Klassenverhältnisse, wenn auch in beschränkter Form, als Gesetzgeber ihres eigenen gesellschaftlichen Handeln agieren, anerkannt. Das Handeln des Kapitalisten ist daher nicht mehr durch individuelle Willkür oder durch zufällige äußere Ereignisse motiviert, sondern durch seine Existenz als freies Subjekt, durch das in jener Identität enthaltene konkrete System subjektiver Ansprüche. Sein Wille ist freier Wille schlechthin und sein freier Wille hat Realität in seinem verwerteten Kapital.
Mit dieser Bestimmung des freien Willens hat Marx einen entscheidenden Schritt über die Aufklärungsphilosophie gemacht. Nach Locke besteht die Freiheit des Menschen in der Möglichkeit, zwischen zwei indifferenten Handlungsalternativen zu wählen, und der Wille darin, sich für eine Handlungsalternative zu entscheiden. Frei ist sein Wille, wenn seine Entscheidung nicht durch Existenznot oder irgendwelche Moden und Gewohnheiten bestimmt ist, sondern in der wertfreien Erkenntnis einer übergreifenden objektiven Ordnung fundiert ist. Durch diese Fundierung des freien Willens in der Erkenntnis ist sein Wille in nichts anderen als der Identität von Subjekt und Objekt bestimmt. Noch heute ist dieses Denkschema weit verbreitet. An die Stelle des einsamen Erkenntnissubjekts hat man freilich die Wissensgemeinschaft gesetzt, die um Situations- oder Risikodefinitionen kämpft. Der freie Wille einer Person mit dem bürgerlichen Eigentum eng verknüpft. Denn das Eigentum resultiert aus dem Recht der Person, die Produkte der durch seinen freien Wille motivierten Tätigkeit sich anzueignen. In diesem Punkt gibt es zwischen Locke, Hegel oder anderen Aufklärungsphilosophen durchaus keinen Unterschied.
Marx lehnt nicht, wie etwa Adorno, das Identitätsdenken ab. Ohne die Fundierung des menschlichen Handelns in der Subjekt-Objekt Identität ist Freiheit überhaupt nicht möglich. Das revolutionär Neue an der Marxschen Theorie ist, dass die Subjekt-Objekt Identität in einer Gesellschaft immer durch die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen vermittelt ist und dass diese Identität in allen historischen Gesellschaften durch die Produktionsverhältnisse, durch den Kampf der Klassen um Anerkennung ihrer subjektiven Ansprüche konstituiert wurde.
Die Möglichkeit zwischen indifferenten Handlungsalternativen zu entscheiden hängt damit nicht vom Willen der einzelnen Menschen ab, sondern davon, ob und in welcher Form ihre subjektiven Ansprüche auf das gesellschaftliche Handeln gesellschaftlich anerkannt worden sind und damit auch davon, in welcher Form sie selbst als freie Subjekte gesellschaftlich anerkannt sind. In kapitalistischen Gesellschaften sind alle Menschen als gleiche freie Subjekte in der Form von Warenbesitzer anerkannt. In der in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen konstituierten sozialen Identität sind aber ihre subjektiven Anrechte auf die individuelle Bestimmung und individuellen Aneignung der Produkte der gesellschaftlichen Arbeit ungleich verteilt. Während die subjektiven Anrechte (und damit die soziale Basis der individuellen Freiheit, zwischen Handlungsalternativen zu entscheiden) der Arbeiter auf die gesellschaftliche Arbeit darauf beschränkt sind, unter der Regie des Kapitals an der Rationalisierung der gesellschaftlichen Arbeit mitzuwirken und als Konsument entsprechend seiner im Arbeitslohn objektivierten Ansprüche zwischen verschiedenen Produkten zu wählen, erstrecken sich die subjektiven Anrechte der Kapitalisten auf die gesellschaftliche Arbeit nicht nur auf die Aneignung der Mehrarbeit, sondern vor allem darauf, die gesellschaftliche Arbeit entsprechend ihrem subjektiven Willen, der freilich, wie wir gesehen haben, auf verschiedenen Handlungsebenen sozial anerkannt wurde, einzusetzen und damit die Gesellschaft als ganzes über ihre bestehenden raum-zeitlichen Grenzen hinaus zu entwickeln.
Das Recht, die Produkte seines freien Willens, also auf Eigentum, ergibt sich für Marx mithin aus den kapitalistischen Produktionsverhältnissen. Dieses Recht ist historisch gerechtfertigt, soweit die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zur Entwicklung der Gesamtgesellschaft beitragen. So schreibt Marx: "Die Rechtfertigung des Grundeigentums, wie die aller andren Eigentumsformen einer bestimmten Produktionsweise, ist die, daß die Produktionsweise selbst historische transitorische Notwendigkeit besitzt, also auch die Produktions- und Austauschverhältnisse, die aus ihr entspringen. Allerdings, wie wir später sehn werden, unterscheidet sich das Grundeigentum von den übrigen Arten des Eigentums dadurch, daß auf einer gewissen Entwicklungshöhe, selbst vom Standpunkt der kapitalistischen Produktionsweise aus, es als überflüssig und schädlich erscheint."(MEW 25, S. 635f)
Einteilung:
1. Differenzierung des Kapitals in selbständige Rechtspersonen. Sie ergibt sich aus der Verselbständigung einzelner Funktionen des industriellen Kapitals und aus der Monopolisierung bestimmter notwendiger Produktionsfaktoren (Boden);
2. Unterscheidung von fungierendem Kapital und zinstragendem Kapital. Jedes Kapital bezieht sich im Resultat des gesellschaftlichen Handelns (subjektiver Anspruch als Zins bzw. Gewinn) nur noch auf sich selbst als handelnder Akteur;
3. die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen existiert im subjektiven Anspruch des Geldkapitals und des fungierenden Kapitals als substantieller Wille und kann in ihrem Verhältnis untereinander, das sie im Kreditsystem eingehen, fortwährend von neuem bestimmt werden. Das Kreditsystem wird dadurch zum Kontrollsystem der Bewegung der Einzelkapitale bzw. der gesellschaftlichen Entwicklung.
1. Differenzierung des industriellen Kapitals und Grundeigentum
Das industrielle Kapital differenziert sich durch die Verselbständigung einzelner Funktionen seines Umschlages in industrielles Kapital, Phase der Produktion, Warenkapital, Phase des Warenverkaufs und Geldkapital, Organisation des Zahlungsverkehrs. Eine weitere selbständige Form erhält das Kapital im Grundeigentum. Das Grundeigentum, dessen Existenz auf seinem Monopol am Boden beruht, leitet seinen Ertrag, die Bodenrente, wie die anderen Kapitale aus dem industriellen Kapital ab.
Vierter Abschnitt: Verwandlung von Warenkapital und Geldkapital in Warenhandlungskapital und Geldhandlungskapital (kaufmännisches Kapital)
1. Das Warenhandlungskapital
"Das Warenhandlungskapital, sofern und solange es in der Form des Warenkapitals existiert - den Reproduktionsprozeß des gesellschaftlichen Gesamtkapitals betrachtet -, ist augenscheinlich nichts andres als der noch auf dem Markt befindliche, im Prozeß seiner Metamorphose begriffene Teil des industriellen Kapitals, der jetzt als Warenkapital existiert und fungiert. Es ist also nur das vom Kaufmann vorgeschoßne Geldkapital, das ausschließlich zum Kauf und Verkauf bestimmt ist, daher nie andre Form als die des Warenkapitals und Geldkapitals, nie die des produktiven Kapitals annimmt und stets in der Zirkulationssphäre des Kapitals eingepfercht bleibt - es ist nur dies Geldkapital, was jetzt zu betrachten ist mit Bezug auf den gesamten Reproduktionsprozeß des Kapitals."(MEW 25, S. 285)
Das Warenkapital ist nach Marx als ein eigenes Kapital, das vom industriellen Kapital wenigstens potenziell alle Tätigkeiten übernehmen kann, die mit der Vermarktung seiner Waren zu tun haben. Diese Tätigkeiten sind selbst nicht wertbildend. Sie bilden Zirkulationskosten für das industrielle Kapital. Da das Warenkapital diese Kosten übernimmt, ist es für das industrielle Kapital lukrativ jene Tätigkeiten zu auf das selbständige Warenkapital zu delegieren. Gleichzeitig beanspruch das Warenkapital auch den Durchschnittsprofit. Dieser Profit wird nicht durch die von ihm beschäftigten Arbeitern erwirtschaftet, sondern resultiert aus der Übertragung eines Teils des Profits vom industriellen Kapitals. Das industrielle Kapital verkauft dem Warenkapital seine Waren unter dem Produktionspreis. Das Verkaufspreis entspricht dann dem Produktionspreis. Damit geht das Kaufmannskapital in die Bildung der allgemeinen Profitrate ein.
"Das Warenhandlungskapital also - abgestreift alle heterogenen Funktionen, wie Aufbewahren, Spedieren, Transportieren, Einteilen, Detaillieren, die damit verknüpft sein mögen, und beschränkt auf seine wahre Funktion des Kaufens, um zu verkaufen - schafft weder Wert noch Mehrwert, sondern vermittelt nur ihre Realisation und damit zugleich den wirklichen Austausch der Waren, ihr Übergehn aus einer Hand in die andre, den gesellschaftlichen Stoffwechsel. Dennoch, da die Zirkulationsphase des industriellen Kapitals ebensosehr eine Phase des Reproduktionsprozesses bildet wie die Produktion, muß das im Zirkulationsprozeß selbständig fungierende Kapital ebensosehr den jährlichen Durchschnittsprofit abwerfen wie das in den verschiednen Zweigen der Produktion fungierende Kapital. Würfe das Kaufmannskapital einen höhern prozentigen Durchschnittsprofit ab als das industrielle Kapital, so würde sich ein Teil des industriellen Kapitals in Kaufmannskapital verwandeln. Würfe es einen niedrigern Durchschnittsprofit ab, so fände der umgekehrte Prozeß statt. Ein Teil des Kaufmannskapitals würde sich in industrielles verwandeln. ."(MEW 25, S. 293)
"… obgleich er seinen Profit nur in der Zirkulation und durch sie macht und nur durch den Überschuß seines Verkaufspreises über seinen Kaufpreis. Aber dennoch verkauft er die Waren nicht über ihrem Wert oder nicht über ihrem Produktionspreis, eben weil er sie unter ihrem Wert oder unter ihrem Produktionspreis von den industriellen Kapitalisten gekauft hat.
In die Bildung der allgemeinen Profitrate geht also das Kaufmannskapital bestimmend ein pro rata des Teils, den es vom Gesamtkapital bildet. Wenn also im angegebnen Fall gesagt wird: die Durchschnittsprofitrate ist = 18%, so wäre sie = 20%, wenn nicht 1/10 des Gesamtkapitals Kaufmannskapital wäre und dadurch die allgemeine Profitrate um 1/10 herabgesetzt worden."(MEW 25, S. 296)
"Die Funktion selbst, kraft deren sein Geld Kapital ist, läßt der kaufmännische Kapitalist großenteils durch seine Arbeiter verrichten. Die unbezahlte Arbeit dieser Kommis, obgleich sie nicht Mehrwert schafft, schafft ihm aber Aneignung von Mehrwert, was für dies Kapital dem Resultat nach ganz dasselbe; sie ist also für es Quelle des Profits. Das kaufmännische Geschäft könnte sonst nie auf großer Stufenleiter, nie kapitalistisch betrieben werden.
Wie die unbezahlte Arbeit des Arbeiters dem produktiven Kapital direkt Mehrwert, schafft die unbezahlte Arbeit der kommerziellen Lohnarbeiter dem Handelskapital einen Anteil an jenem Mehrwert."(MEW 25, S. 305)
2. Das Geldhandlungskapital
"Die rein technischen Bewegungen, die das Geld durchmacht im Zirkulationsprozeß des industriellen Kapitals und, wie wir jetzt hinzusetzen können, des Warenhandlungskapitals (da dies einen Teil der Zirkulationsbewegung des industriellen Kapitals als seine eigne und eigentümliche Bewegung übernimmt) - diese Bewegungen, verselbständigt zur Funktion eines besondren Kapitals, das sie, und nur sie, als ihm eigentümliche Operationen ausübt, verwandeln dies Kapital in Geldhandlungskapital. Ein Teil des industriellen Kapitals, und näher auch des Warenhandlungskapitals, bestände nicht nur fortwährend in Geldform, als Geldkapital überhaupt, sondern als Geldkapital, das in diesen technischen Funktionen begriffen ist. Von dem Gesamtkapital sondert sich nun ab und verselbständigt sich ein bestimmter Teil in Form von Geldkapital, dessen kapitalistische Funktion ausschließlich darin besteht, für die gesamte Klasse der industriellen und kommerziellen Kapitalisten diese Operationen auszuführen. Wie beim Warenhandlungskapital trennt sich ein Teil des im Zirkulationsprozeß in der Gestalt von Geldkapital vorhandnen industriellen Kapitals ab und verrichtet diese Operationen des Reproduktionsprozesses für das gesamte übrige Kapital. Die Bewegungen dieses Geldkapitals sind also wiederum nur Bewegungen eines verselbständigten Teils des in seinem Reproduktionsprozeß begriffnen industriellen Kapitals."(MEW 25, S. 327)
Die Tätigkeiten, die das Geldhandlungskapital organisiert, sind genauso wenig wertbildend wie diejenigen, die vom Warenhandlungskapital organisiert werden. Die Partizipation am Profit des industriellen Kapitals stellt sich aber anders dar als beim Warenhandlungskapital. Auch geht es nicht in die Bildung der allgemeinen Profitrate ein. Marx beantwortet die Frage, wie das Geldhandlungskapital einen Profit realisieren kann im 5. Abschnitt (2 Unterabschnitt bei uns).
Sechster Abschnitt: Verwandlung von Surplusprofit in Grundrente
1. Grundlage der Grundrente ist das Monopol auf ein Stück Boden: "Welches immer die spezifische Form der Rente sei, alle Typen derselben haben das gemein, daß die Aneignung der Rente die ökonomische Form ist, worin sich das Grundeigentum realisiert, und daß ihrerseits die Grundrente ein Grundeigentum, Eigentum bestimmter Individuen an bestimmten Stücken des Erdballs voraussetzt … das Monopol auf ein Stück des Erdballs befähigt den sog. Grundeigentümer, den Tribut zu erheben, die Schatzung aufzulegen. Er hat das mit der eigentlichen Grundrente gemein, daß er den Bodenpreis bestimmt, der nichts ist als die kapitalisierte Einnahme von der Verpachtung des Bodens."(MEW 25, S. 647 + 638)
2. Der Mehrwert, die sich der Grundeigentümer in Form der Grundrente aneignet, ergibt sich weder unmittelbar aus einer natürlichen Qualität des Bodens noch aus der Mehrarbeit der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte. Beides sind nur notwendige Bedingungen der Grundrente. "Aber die subjektiven und objektiven Bedingungen von Mehrarbeit und Mehrwert überhaupt haben mit der bestimmten Form, sei es des Profits, sei es der Rente, nichts zu tun. Sie gelten für den Mehrwert als solchen, welche besondre Form er immer annehme. Sie erklären die Grundrente daher nicht."(MEW 25, S. 649)
"In demselben Maß, wie sich mit der kapitalistischen Produktion die Warenproduktion entwickelt, und daher die Produktion von Wert, entwickelt sich die Produktion von Mehrwert und Mehrprodukt. Aber in demselben Maß, wie letztre sich entwickelt, entwickelt sich die Fähigkeit des Grundeigentums, einen wachsenden Teil dieses Mehrwerts, vermittelst seines Monopols an der Erde, abzufangen, daher den Wert seiner Rente zu steigern und den Preis des Bodens selbst. Der Kapitalist ist noch selbsttätiger Funktionär in der Entwicklung dieses Mehrwerts und Mehrprodukts. Der Grundeigentümer hat nur den so ohne sein Zutun wachsenden Anteil am Mehrprodukt und Mehrwert abzufangen."(MEW 25, S. 651)
Die Grundrente ergibt sich nach Marx aus der Partizipation des Grundeigentümer am Profit der industriellen Kapitalisten. Die Partizipation ist über die Nachfrage nach den landwirtschaftlichen Gütern vermittelt. Der Boden mit der schlechtesten Fruchtbarkeit, dessen Erträge zur Deckung der Nachfrage erforderlich sind, bestimmt den Marktpreis der Bodenprodukte. Alle Pächter erzielen unter diesen Bedingungen auf ihr eingesetztes Kapital den Durchschnittsprofit. Auf den Böden mit besserer Fruchtbarkeit kann mit den höheren Erträge ein Surplusprofit erzielt werden. Den Surplusprofit eignet sich der Grundeigentümer als Grundrente an. Die Grundrente, die sich aus der Differenz der Bodenerträge ergibt, nennt Marx Differentialrente. Sie geht zu Lasten des Durchschnittsprofit.
Warum, fragt Marx, gleichen sich die individuellen Surplusprofite nicht wie bei der Ermittlung der Durchschnittsprofitrate über die Konkurrenz aus?
"Es ist die stete Tendenz der Kapitale, durch die Konkurrenz diese Ausgleichung in der Verteilung des vom Gesamtkapital erzeugten Mehrwerts zu bewirken und alle Hindernisse dieser Ausgleichung zu überwältigen. Es ist daher ihre Tendenz, nur solche Surplusprofite zu dulden, wie sie unter allen Umständen, nicht aus dem Unterschied zwischen den Werten und den Produktionspreisen der Waren, sondern vielmehr aus dem allgemeinen, den Markt regelnden Produktionspreis und den von ihm unterschiednen individuellen Produktionspreisen entspringen; Surplusprofite, die daher auch nicht zwischen zwei verschiednen Produktionssphären, sondern innerhalb jeder Produktionssphäre stattfinden, also die allgemeinen Produktionspreise der verschiednen Sphären, d.h. die allgemeine Profitrate, nicht berühren und vielmehr die Verwandlung der Werte in Produktionspreise und die allgemeine Profitrate voraussetzen. Diese Voraussetzung beruht jedoch, wie früher erörtert, auf der fortwährend wechselnden proportionellen Verteilung des gesellschaftlichen Gesamtkapitals unter die verschiednen Produktionssphären, auf fortwährender Ein- und Auswanderung der Kapitale, auf ihrer Übertragbarkeit von einer Sphäre zur andern, kurz, auf ihrer freien Bewegung zwischen diesen verschiednen Produktionssphären als ebensoviel disponiblen Anlagefeldern für die selbständigen Teile des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Es ist dabei vorausgesetzt, daß keine oder doch nur eine zufällige und temporäre Schranke die Konkurrenz der Kapitale verhindert - z.B. in einer Produktionssphäre, wo der Wert der Waren über ihrem Produktionspreis steht oder wo der erzeugte Mehrwert über dem Durchschnittsprofit steht -, den Wert auf den Produktionspreis zu reduzieren und damit den überschüssigen Mehrwert dieser Produktionssphäre unter alle vom Kapital exploitierten Sphären proportionell zu verteilen. Tritt aber das Gegenteil ein, stößt das Kapital auf eine fremde Macht, die es nur teilweise oder gar nicht überwinden kann und die seine Anlage in besondren Produktionssphären beschränkt, sie nur unter Bedingungen zuläßt, welche jene allgemeine Ausgleichung des Mehrwerts zum Durchschnittsprofit ganz oder teilweise ausschließen, so würde offenbar in solchen Produktionssphären durch den Überschuß des Warenwerts über ihren Produktionspreis ein Surplusprofit entspringen, der in Rente verwandelt und als solche dem Profit gegenüber verselbständigt werden könnte. Als eine solche fremde Macht und Schranke tritt aber das Grundeigentum dem Kapital bei seinen Anlagen in Grund und Boden oder der Grundeigentümer dem Kapitalisten gegenüber."(MEW 25, S. 769f)
2. Unterscheidung von Realkapital und zinstragenden Kapital
Das Kapital hat sich in seinen verschiedenen rechtlich selbständigen Formen in eigenständige Subjekte differenziert, deren Wille (subjektive Ansprüche) sich als vermittelt durch die im industriellen Kapital objektivierte Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen darstellt. In diesen Formen verstehen sich die Kapitalisten als freie Subjekte, die in ihrem Handeln nur durch sich selbst bestimmt sind. Gleichzeitig steht ihnen der gesellschaftliche Zusammenhang, durch dem ihre formale Bestimmtheit als freie Subjekte vermittelt ist und in dem sie durch ihr sinnliches Dasein als Kapital situiert sind, als eine selbständige objektive Realität. Das Handeln des Kapital ist durch es selbst als freies Subjekt, durch sein, gesellschaftlich anerkanntes Motiv der Profiterzielung motiviert, gleichzeitig kann es dieses formale Motiv nur durch sein besonderes Dasein innerhalb der gesellschaftlichen Arbeitsteilung realisieren. Dabei kann es zu einem Widerspruch zwischen den einzelwirtschaftlichen und profitorientierten Handeln der einzelnen Kapitalisten und ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang kommen.
Hegel sieht die Ursache des Widerspruchs im Auseinanderfallen von Absicht eines formal identischen Subjekts und der Folgen seiner Handlungen. Der Widerspruch wird bei ihm zu einem moralischen Problem. Ähnlich auch die klassischen und modernen Ökonomen. Sie bestimmen den Menschen, der in seinem Handeln durch die Subjekt-Objekt Identität bestimmt wird, als nutzenmaximierendes Subjekt, dessen gesellschaftliche Existenz in seinem, auf eigener Arbeit beruhenden Eigentum resultiert. Die Gesellschaft steht ihm als ein formaler Handlungszusammenhang gegenüber, in dem sich die Handlungsfolgen der rational handelnden Einzelsubjekte verselbständigt haben. Auf mikroökonomischer Handlungsebene entscheiden die einzelnen Wirtschaftssubjekte entweder als Konsumente rational im Hinblick auf ihren individuellen Nutzen zwischen Konsumgütern und als Produzent rational im Hinblick auf ihrem Gewinn zwischen den möglichen Kombinationen von Produktionsfaktoren und ihren jeweiligen Grenznutzen. Auf den einzelnen Märkten vermittelt zwischen den rational kalkulierenden Wirtschaftssubjekten, die entweder Güter anbieten oder Güter nachfragen, der Preismechanismus und das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage wird durch den Zinsmechanismus garantiert. Der Zinsmechanismus sorgt für einen Ausgleich von Sparen und Investitionen. Die Wirtschaftssubjekte können frei über ihr Einkommen verfügen. Sie können sich für Konsum oder Sparen entscheiden. Sparen sie ihr Einkommen, dann entsteht eine Nachfragelücke, denn ihr Einkommen resultiert aus der Produktion von Gütern, die auf irgendeinen Markt angeboten und verkauft werden müssen. Diese Lücke kann die Nachfrage von Investitionsgütern schließen. Krisen entstehen nach der liberalen Wirtschaftstheorie nur dann, wenn die Ausgleichmechanismen des Marktes blockiert werden. Solche Blockaden führen sie auf das irrationale Verhalten von Interessengruppen zurück, etwa der Gewerkschaften, die eine Anpassung der Löhne an den Wert ihres Grenzwertprodukt behindern, also kurz, zu hohe Löhne fordern, oder durch den Staat, der durch seine Investitionsprogrammen, die zumeist mit einen ineffektiven Faktoreinsatz verbunden sind, private Investitionen verdrängt und damit die Konkurrenzfähigkeit der Volkswirtschaft beeinträchtigt, oder Monopole.
Dagegen erklärt Marx die Widersprüche zwischen den Handlungsresultaten und den individuellen Handlungsorientierungen nicht aus der Abweichung von der gesellschaftlich anerkannten Identität des Menschen als freies Subjekt, sondern aus der Identität selbst. Diese Identität ist die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen. Sie ist, wie Marx gezeigt hat, nicht die abstrakte Identität eines Warenbesitzers, der einen subjektiven Anspruch auf die Aneignung der eigenen Arbeit hat, sondern eine in den kapitalistischen Produktionsverhältnis konstituierte konkrete Identität, die subjektive Ansprüche des Arbeiters auf den Erhalt seiner Ware Arbeitskraft genauso enthält wie subjektive Ansprüche der Kapitalisten auf Erhalt ihres Kapitalstocks und auf Aneignung der Mehrarbeit. Diese Identität bekommt im subjektiven Anspruch des Kapital auf Profit ein eigenständiges Dasein. Das Kapital kann diesen Anspruch realisieren als produktives Kapital durch die Produktion und den Verkauf von Waren oder als zinstragendes Kapital durch das Verleihen von Kapital als Ware. Das Geldgeschäft enthält nach Marx dem Keim zur Entwicklung innerer Widersprüche.
Was beim zinstragenden Kapital verliehen wird ist der Gebrauchswert des Kapitals, seine Kapitalfunktion, Profit zu produzieren. Der Kapitalist erhält durch das Darlehn die Möglichkeit, neues produktives Kapital zu finanzieren und profitabel zu verwerten. Der Zins ist für den Darlehnsgeber ein Titel auf einen Teil des Profits. Immer wenn der Gebrauchswert einer Ware eine Rolle spielt, dann kommt die Subjektivität des Käufers ins Spiel. Die Subjektivität die hier wirksam ist, ist die des Kapitalisten, der Erwartungen über die zukünftige Nachfrage entwickelt und dementsprechend auf einzelwirtschaftlicher Ebene den Einsatz von der Produktionsfaktoren rational plant und organisiert. Man kann sagen, dass das Kreditsystem ein Koordinationsmechanismus von Kreditgeber und Kreditnehmer ist, in dem aufgrund von Erwartungen über die zukünftige Entwicklung der Nachfrage der rationale Aufbau von Produktionskapazitäten vermittelt wird. Und hier kann es zum Widerspruch zwischen der einzelwirtschaftlichen Rationalität der Kapitalisten und dem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht kommen. Auch wenn der einzelne Kapitalist seine Produktion ausweitet, wird er alles dransetzen, seine Produktion zu rationalisieren, d.h. möglichst billig mit wenigen Arbeitskräften zu produzieren. Mit dem Abbau von Arbeitsplätzen geht aber ein Verlust von Einkommen einher, der die Konsumkraft der Gesellschaft und damit die Chance untergräbt, seine Produkte in Zukunft auch absetzen zu können.2)
Auch viele bürgerliche Wirtschaftswissenschaftler haben mittlerweile die Bedeutung von Erwartungen und subjektive Motive für die wirtschaftliche Entwicklung anerkannt. So hat z.B. Keynes in seiner Geldtheorie darauf hingewiesen, dass Erwartungen die Investitionsentscheidungen der Unternehmer beeinflussen und Geld von ihnen aus spekulativen Motiven gehalten werden kann, wodurch der Zinsmechanismus wirkungslos würde. Freilich bleibt bei ihm und anderen Autoren der Kern, auf dem alle subjektiven Erwartungen zurückgehen, nämlich der subjektive Anspruch auf Mehrarbeit, verloren.
In einem ersten Schritt bestimmt Marx die Merkmale des zinstragenden Kapitals und unterscheidet es vom dem produktiven Kapital. Beide besitzen eine eigenständige rechtliche Existenz. Der Besitzer des produktiven Kapitals will einen Unternehmergewinn erzielen, der Besitzer des Geldkapitals will einen Zins erhalten. Der Zins ist von der Profitrate anhängig. Die konkrete Teilhabe am Profit des Geldkapitals wird durch Nachfrage und Angebot reguliert. Auch setzt Marx sich mit den traditionellen Geldtheorien auseinander und stellt die Widersprüche dar, die aus der Beziehung zwischen Geldkapital und produktiven Kapital entstehen und zu Krisen führen können.
Im zweiten Schritt stellt Marx das Bankensystem als ein System dar, in dem im Verhältnis zwischen Kreditgebern, den Banken, und Kreditnehmern, dem produktiven Kapital, aufgrund von Erwartungen zukünftiger Nachfrage und in Zukunft realisierbarer Profite ein ideelles System von Zahlungsversprechen aufgebaut wird, das die Entwicklung des Realkapitals bestimmt. Genaugenommen schreibt Marx hier dem Bankensystem Funktionen zu, die Hegel, abgesehen von den rein hoheitlichen Funktionen, dem Staat zugeordnet hat. Neuere Ansätze sprechen vom Bankensystem als einem Akkumulationsregime, das die Bewegung des Realkapitals reguliert.3) Dieser Zusammenhang wird in Abschnitt "3. Verdopplung des Kreislaufs des Kapitals. Entstehung einer Kontrollstruktur" dargestellt.
Fünfter Abschnitt: Spaltung des Profils in Zins und Unternehmergewinn. Das zinstragende Kapital
1. Kapital als in sich reflektierter Wille, d.h. der von ihm hervorgebrachte Gegenstand (sein subjektiver Anspruch auf dasselbe) scheint Produkt seines eigenen von ihm selbst intendierten und zurechenbaren Handelns. Im zinstragenden Kapital erscheint das Geld als solches Quelle von Wert.
"Ob das Kapital innerhalb der Produktionssphäre industriell oder in der Zirkulationssphäre merkantil angelegt, es wirft pro rata seiner Größe denselben jährlichen Durchschnittsprofit ab.
Geld - hier genommen als selbständiger Ausdruck einer Wertsumme, ob sie tatsächlich in Geld oder Waren existiere - kann auf Grundlage der kapitalistischen Produktion in Kapital verwandelt werden und wird durch diese Verwandlung aus einem gegebnen Wert zu einem sich selbst verwertenden, sich vermehrenden Wert. Es produziert Profit, d.h. es befähigt den Kapitalisten, ein bestimmtes Quantum unbezahlter Arbeit, Mehrprodukt und Mehrwert, aus den Arbeitern herauszuziehn und sich anzueignen. Damit erhält es, außer dem Gebrauchswert, den es als Geld besitzt, einen zusätzlichen Gebrauchswert, nämlich den, als Kapital zu fungieren. Sein Gebrauchswert besteht hier eben in dem Profit, den es, in Kapital verwandelt, produziert. In dieser Eigenschaft als mögliches Kapital, als Mittel zur Produktion des Profits, wird es Ware, aber eine Ware sui generis. Oder was auf dasselbe herauskommt, Kapital als Kapital wird zur Ware … (Das zinstragende Kapital) wird weder als Geld noch als Ware ausgegeben, also weder ausgetauscht gegen Ware, wenn es als Geld vorgeschossen wird, noch verkauft gegen Geld, wenn es als Ware vorgeschossen wird; sondern es wird ausgegeben als Kapital. Das Verhältnis zu sich selbst, als welches das Kapital sich darstellt, wenn man den kapitalistischen Produktionsprozeß als Ganzes und Einheit anschaut, und worin das Kapital als Geld heckendes Geld auftritt, wird hier ohne die vermittelnde Zwischenbewegung einfach als sein Charakter, als seine Bestimmtheit ihm einverleibt. Und in dieser Bestimmtheit wird es veräußert, wenn es als Geldkapital verliehen wird."(MEW 25, S. 350f + 357)
Der Preis des zinstragenden Kapitals ist der Zins. Er orientiert sich an der Profitrate.
"Sein Gebrauchswert aber ist: Profit zu erzeugen. Der Wert des Geldes oder der Waren als Kapital ist nicht bestimmt durch ihren Wert als Geld oder Waren, sondern durch das Quantum Mehrwert, das sie für ihren Besitzer produzieren. Das Produkt des Kapitals ist der Profit. Auf Grundlage der kapitalistischen Produktion ist es nur verschiedne Anwendung des Geldes, ob es als Geld verausgabt oder als Kapital vorgeschossen wird. Geld. resp. Ware, ist an sich, potentiell Kapital, ganz wie die Arbeitskraft potentiell Kapital ist. Denn 1. kann das Geld in die Produktionselemente verwandelt werden und ist, wie es ist, bloß abstrakter Ausdruck derselben, ihr Dasein als Wert; 2. besitzen die stofflichen Elemente des Reichtums die Eigenschaft, potentiell schon Kapital zu sein, weil ihr sie ergänzender Gegensatz, das, was sie zu Kapital macht - die Lohnarbeit -, auf Basis der kapitalistischen Produktion vorhanden ist."(MEW 25, S. 367f)
"… der Zins wird reguliert durch den Profit, näher durch die allgemeine Profitrate. Und diese Art seiner Regulierung gilt selbst für seinen Durchschnitt."(MEW 25, S. 372)
Die Konkurrenz, das Verhältnis zwischen Geldangebot und Geldnachfrage, bestimmt die konkrete Höhe des Zinssatzes. Aber: "Die Konkurrenz bestimmt hier nicht die Abweichungen vom Gesetz, sondern es existiert kein Gesetz der Teilung außer dem von der Konkurrenz diktierten, weil, wie wir noch weiter sehn werden, keine "natürliche" Rate des Zinsfußes existiert. Unter der natürlichen Rate des Zinsfußes versteht man vielmehr die durch die freie Konkurrenz festgesetzte Rate."(MEW 25, S. 369)
2. Teilung des Profits in Unternehmergewinn und Zins.
Die zunächst willkürlich erscheinende quantitative Teilung des Profits wird nach Marx zu einer qualitativen Teilung, wenn jede Seite ihren subjektiven Anspruch wenigstens subjektiv (für sich) auf ihre je besondere Funktion bzw. Dasein im Verwertungsprozess zurückführen kann.
"Jedenfalls aber verwandelt sich die quantitative Teilung des Rohprofits hier in eine qualitative, und dies um so mehr, als die quantitative Teilung selbst davon abhängt, was zu verteilen ist, wie der aktive Kapitalist mit dem Kapital wirtschaftet und welchen Rohprofit es ihm als fungierendes <1. Auflage: fungierendem; geändert nach dem Manuskript von Marx> Kapital, d.h. infolge seiner Funktionen als aktiver Kapitalist abwirft. Der fungierende Kapitalist ist hier unterstellt als Nichteigentümer des Kapitals. Das Eigentum am Kapital ist ihm gegenüber vertreten durch den Verleiher, den Geldkapitalisten. Der Zins, den er an diesen zahlt, erscheint also als der Teil des Rohprofits, der dem Kapitaleigentum als solchem zukommt. Im Gegensatz hierzu erscheint der Teil des Profits, der dem aktiven Kapitalisten zufällt, jetzt als Unternehmergewinn, entspringend ausschließlich aus den Operationen oder Funktionen, die er im Reproduktionsprozeß mit dem Kapital vollführt, speziell also den Funktionen, die er als Unternehmer in der Industrie oder dem Handel verrichtet. Ihm gegenüber erscheint also der Zins als bloße Frucht des Kapitaleigentums, des Kapitals an sich, abstrahiert vom Reproduktionsprozeß des Kapitals, soweit es nicht "arbeitet", nicht fungiert; während ihm der Unternehmergewinn erscheint als ausschließliche Frucht der Funktionen, die er mit dem Kapital verrichtet, als Frucht der Bewegung und des Prozessierens des Kapitals, eines Prozessierens, das ihm nun als seine eigne Tätigkeit erscheint im Gegensatz zur Nichttätigkeit, zur Nichtbeteiligung des Geldkapitalisten am Produktionsprozeß."(MEW 25, S. 387) "Das zinstragende Kapital ist das Kapital als Eigentum gegenüber dem Kapital als Funktion."(MEW 25, S. 392)
Der Gegensatz gegen die Lohnarbeit scheint in beiden ausgelöscht, im zinstragenden Kapital, weil es nur mit dem fungierenden Kapital, aber nicht den Lohnarbeitern in Beziehung tritt, im fungierenden Kapital, weil der Unternehmergewinn selbst nur als Produkt seiner dispositiven Arbeit erscheint.
"Da der entfremdete Charakter des Kapitals, sein Gegensatz zur Arbeit, jenseits des wirklichen Exploitationsprozesses verlegt wird, nämlich ins zinstragende Kapital, so erscheint dieser Exploitationsprozeß selbst als ein bloßer Arbeitsprozeß, wo der fungierende Kapitalist nur andre Arbeit verrichtet als der Arbeiter. So daß die Arbeit des Exploitierens und die exploitierte Arbeit, beide als Arbeit, identisch sind. Die Arbeit des Exploitierens ist ebensogut Arbeit, wie die Arbeit, die exploitiert wird. Auf den Zins fällt die gesellschaftliche Form des Kapitals, aber in einer neutralen und indifferenten Form ausgedrückt; auf den Unternehmergewinn fällt die ökonomische Funktion des Kapitals, aber von dem bestimmten, kapitalistischen Charakter dieser Funktion abstrahiert."(MEW 25, S. 396)
"Hier ist die Fetischgestalt des Kapitals und die Vorstellung vom Kapitalfetisch fertig. In G - G´ haben wir die begriffslose Form des Kapitals, die Verkehrung und Versachlichung der Produktionsverhältnisse in der höchsten Potenz: zinstragende Gestalt, die einfache Gestalt des Kapitals, worin es seinem eignen Reproduktionsprozeß vorausgesetzt ist; Fähigkeit des Geldes, resp. der Ware, ihren eignen Wert zu verwerten, unabhängig von der Reproduktion - die Kapitalmystifikation in der grellsten Form."(MEW 25, S. 405f)
3. Im Kreditsystem wird ein System von Zahlungsversprechen zwischen Gläubiger und Schuldnern auf gebaut, das sich an den Erwartungen einer zukünftigen Entwicklung der Nachfrage und zukünftiger Profite orientiert und welches den Aufbau von Produktionskapazitäten intentional fundiert. Dies System kommt regelmäßig mit der tatsächlichen Entwicklung in Konflikt und mündet in Überproduktions- und Geldkrisen.
"Im großen und ganzen fungiert das Geld (,das als zinstragendes Kapital angewendet wird,) nur als Zahlungsmittel, d.h. die Ware wird verkauft nicht gegen Geld, sondern gegen ein schriftliches Versprechen der Zahlung an einem bestimmten Termin."(MEW 25, S. 413)
Wenn das Kreditwesen als Haupthebel der Überproduktion und Überspekulation im Handel erscheint, so nur, weil der Reproduktionsprozeß, der seiner Natur nach elastisch ist, hier bis zur äußersten Grenze forciert wird, und zwar deshalb forciert wird, weil ein großer Teil des gesellschaftlichen Kapitals von den Nichteigentümern desselben angewandt wird, die daher ganz anders ins Zeug gehn als der ängstlich die Schranken seines Privatkapitals erwägende Eigentümer, soweit er selbst fungiert. Es tritt damit nur hervor, daß die auf den gegensätzlichen Charakter der kapitalistischen Produktion gegründete Verwertung des Kapitals die wirkliche, freie Entwicklung nur bis zu einem gewissen Punkt erlaubt, also in der Tat eine immanente Fessel und Schranke der Produktion bildet, die beständig durch das Kreditwesen durchbrochen wird. Das Kreditwesen beschleunigt daher die materielle Entwicklung der Produktivkräfte und die Herstellung des Weltmarkts, die als materielle Grundlagen der neuen Produktionsform bis auf einen gewissen Höhegrad herzustellen, die historische Aufgabe der kapitalistischen Produktionsweise ist. Gleichzeitig beschleunigt der Kredit die gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs, die Krisen, und damit die Elemente der Auflösung der alten Produktionsweise."(MEW 25, S. 457)
3. Verdopplung des Kreislaufs des Kapitals. Entstehung einer Kontrollstruktur
Die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen hat in dem zinstragendem und dem fungierendem Kapital eine rechtliche selbständige Form erhalten. Jedes dieser Kapitale leitet seine subjektiven Ansprüche aus seinem eigenen Handeln ab. In der Beziehung dieser Kapitale als Kreditgeber und Kreditnehmer entsteht ein System von Schuldforderungen, das die Bewegung des Realkapitals bestimmt. Mit dem Kreditsystem ist dadurch nicht nur ein Kontrollsystem für die Entwicklung der Einzelkapitale entstanden, sondern die Bestimmung bzw. Neubestimmung der Identität verlagert sich von der Ebene des Klassenkampfes auf die mikroökonomischer Ebene des Verhältnisses des Kapitals zu sich selbst als ein Anderes. Dadurch vergrößert sich die Gefahr von Widersprüchen zwischen der einzelwirtschaftlichen Rationalität der Einzelkapitale und dem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht. Man kann sagen, dass die Kontrollinstanz der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die bisher der Staat eingenommen hatte, in die kapitalistische Gesellschaft zurückgenommen ist.
Einteilung:
1. Aktiengesellschaften als Verhältnis von Kreditgebern und einem besonderen Kapital;
2. Kreditwesen als eigenständiges Kontrollsystem, das, in dem es die Handlungsorientierungen der Kreditgeber und Kreditnehmer koordiniert, die Bewegung des Realkapitals bestimmt;
3. Regulation des Verhältnisses von Geldkapital und Realkapital.
1. Aktiengesellschaften
"1. Ungeheure Ausdehnung der Stufenleiter der Produktion und Unternehmungen, die für Einzelkapitale unmöglich waren. Solche Unternehmungen zugleich, die früher Regierungsunternehmungen waren, werden gesellschaftliche.
2. Das Kapital, das an sich auf gesellschaftlicher Produktionsweise beruht und eine gesellschaftliche Konzentration von Produktionsmitteln und Arbeitskräften voraussetzt, erhält hier direkt die Form von Gesellschaftskapital (Kapital direkt assoziierter Individuen) im Gegensatz zum Privatkapital, und seine Unternehmungen treten auf als Gesellschaftsunternehmungen im Gegensatz zu Privatunternehmungen. Es ist die Aufhebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst.4)
3. Verwandlung des wirklich fungierenden Kapitalisten in einen bloßen Dirigenten, Verwalter fremdes Kapitals, und der Kapitaleigentümer in bloße Eigentümer, bloße Geldkapitalisten. Selbst wenn die Dividenden, die sie beziehn, den Zins und Unternehmergewinn, d.h. den Totalprofit einschließen (denn das Gehalt des Dirigenten ist, oder soll sein, bloßer Arbeitslohn einer gewissen Art geschickter Arbeit, deren Preis im Arbeitsmarkt reguliert wird, wie der jeder andren Arbeit), so wird dieser Totalprofit nur noch bezogen in der Form des Zinses, d.h. als bloße Vergütung des Kapitaleigentums, das nun ganz so von der Funktion im wirklichen Reproduktionsprozeß getrennt wird wie diese Funktion, in der Person des Dirigenten, vom Kapitaleigentum. Der Profit stellt sich so dar (nicht mehr nur der eine Teil desselben, der Zins, der seine Rechtfertigung aus dem Profit des Borgers zieht) als bloße Aneignung fremder Mehrarbeit, entspringend aus der Verwandlung der Produktionsmittel in Kapital, d.h. aus ihrer Entfremdung gegenüber den wirklichen Produzenten, aus ihrem Gegensatz als fremdes Eigentum gegenüber allen wirklich in der Produktion tätigen Individuen, vom Dirigenten bis herab zum letzten Taglöhner. In den Aktiengesellschaften ist die Funktion getrennt vom Kapitaleigentum, also auch die Arbeit gänzlich getrennt vom Eigentum an den Produktionsmitteln und an der Mehrarbeit. Es ist dies Resultat der höchsten Entwicklung der kapitalistischen Produktion ein notwendiger Durchgangspunkt zur Rückverwandlung des Kapitals in Eigentum der Produzenten, aber nicht mehr als das Privateigentum vereinzelter Produzenten, sondern als das Eigentum ihrer als assoziierter, als unmittelbares Gesellschaftseigentum. Es ist andrerseits Durchgangspunkt zur Verwandlung aller mit dem Kapitaleigentum bisher noch verknüpften Funktionen im Reproduktionsprozeß in bloße Funktionen der assoziierten Produzenten, in gesellschaftliche Funktionen."(MEW 25, S. 452f)
Bevor wir weitergehn, ist noch dies ökonomisch Wichtige zu bemerken: Da der Profit hier rein die Form des Zinses annimmt, sind solche Unternehmungen noch möglich, wenn sie bloßen Zins abwerfen, und es ist dies einer der Gründe, die das Fallen der allgemeinen Profitrate aufhalten, indem diese Unternehmungen, wo das konstante Kapital in so ungeheurem Verhältnis zum variablen steht, nicht notwendig in die Ausgleichung der allgemeinen Profitrate eingehn."(MEW 25, S. 454f)
2. Kreditsystem
a. Kommerzielle Kredit: "… bietet der Kredit dem einzelnen Kapitalisten oder dem, der für einen Kapitalisten gilt, eine innerhalb gewisser Schranken absolute Verfügung über fremdes Kapital und fremdes Eigentum und dadurch über fremde Arbeit. Verfügung über gesellschaftliches, nicht eignes Kapital, gibt ihm Verfügung über gesellschaftliche Arbeit. Das Kapital selbst, das man wirklich oder in der Meinung des Publikums besitzt, wird nur noch die Basis zum Kreditüberbau. Es gilt dies besonders im Großhandel, durch dessen Hände der größte Teil des gesellschaftlichen Produkts passiert. Alle Maßstäbe, alle mehr oder minder innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise noch berechtigten Explikationsgründe verschwinden hier. Was der spekulierende Großhändler riskiert, ist gesellschaftliches, nicht sein Eigentum."(MEW 25, S. 454f)
b. Banksystem:
"Das Bankkapital besteht 1. aus barem Geld, Gold oder Noten, 2. Wertpapieren. Diese können wir wieder in zwei Teile teilen Handelspapiere, Wechsel, die schwebend sind, von Zeit zu Zeit verfallen und in deren Diskontierung das eigentliche Geschäft des Bankiers gemacht wird; und öffentliche Wertpapiere, wie Staatspapiere, Schatzscheine, Aktien aller Art, kurz zinstragende Papiere, die sich aber wesentlich von den Wechseln unterscheiden."(MEW 25, S. 481)
"Der größte Teil des Bankierkapitals ist daher rein fiktiv und besteht aus Schuldforderungen (Wechseln), Staatspapieren (die vergangnes Kapital repräsentieren) und Aktien (Anweisungen auf künftigen Ertrag). Wobei nicht vergessen werden muß, daß der Geldwert des Kapitals, den diese Papiere in den Panzerschränken des Bankiers vorstellen, selbst soweit sie Anweisungen auf sichre Erträge (wie bei den Staatspapieren) oder soweit sie Eigentumstitel auf wirkliches Kapital (wie bei den Aktien), durchaus fiktiv ist und von dem Wert des wirklichen Kapitals, das sie wenigstens teilweise vorstellen, abweichend reguliert wird; oder wo sie bloße Forderung auf Erträge vorstellen und kein Kapital, die Forderung auf denselben Ertrag in beständig wechselndem fiktivem Geldkapital sich ausdrückt. Außerdem kommt noch hinzu, daß dies fiktive Bankierkapital großenteils nicht sein Kapital, sondern das des Publikums vorstellt, das bei ihm deponiert, sei es mit, sei es ohne Zinsen."(MEW 25, S. 487)
"Alle diese Papiere stellen in der Tat nichts vor als akkumulierte Ansprüche, Rechtstitel, auf künftige Produktion, deren Geld- oder Kapitalwert entweder gar kein Kapital repräsentiert, wie bei den Staatsschulden, oder von dem Wert des wirklichen Kapitals, das sie vorstellen, unabhängig reguliert wird."(MEW 25, S. 486)
"Aller Zusammenhang mit dem wirklichen Verwertungsprozeß des Kapitals geht so bis auf die letzte Spur verloren, und die Vorstellung vom Kapital als einem sich durch sich selbst verwertenden Automaten befestigt sich."(MEW 25, S. 484)
3. Regulation des Verhältnisses von Geldkapital und Realkapital durch den Zinssatz:
a. Phase nach überstandener Krise: niedriger Zins (vgl. Keynes: Geld wird als Spekulationskasse gehalten)
"… in der Phase des industriellen Zyklus unmittelbar nach überstandner Krisis…, wo der Produktionsprozeß eingeschränkt ist (die Produktion in den englischen Industriebezirken war nach der Krise von 1847 um ein Drittel verringert), wo die Preise der Waren auf ihrem niedrigsten Punkt stehn, wo der Unternehmungsgeist gelähmt ist, herrscht niedriger Stand des Zinsfußes, der hier nichts anzeigt als Vermehrung des leihbaren Kapitals grade durch Kontraktion und Lähmung des industriellen Kapitals. Daß weniger Zirkulationsmittel erheischt sind mit gefallnen Warenpreisen, verminderten Umsätzen und der Kontraktion des in Arbeitslohn ausgelegten Kapitals; daß andrerseits, nach Liquidation der Schulden ans Ausland teils durch Goldabfluß und teils durch Bankrotte, kein zuschüssiges Geld für die Funktion als Weltgeld erheischt ist; daß endlich der Umfang des Geschäfts des Wechseldiskontierens mit der Zahl und den Beträgen dieser Wechsel selbst abnimmt -, alles dies ist augenscheinlich. Die Nachfrage nach leihbarem Geldkapital, sei es für Zirkulationsmittel, sei es für Zahlungsmittel (von neuer Kapitalanlage ist noch keine Rede), nimmt daher ab, und es wird damit relativ reichlich. Aber auch das Angebot des leihbaren Geldkapitals nimmt unter solchen Umständen positiv zu, wie sich später zeigen wird."(MEW 25, S. 502)
b. Konjunkturphase: niedriger Zins
"Hat der Reproduktionsprozeß wieder den Stand der Blüte erreicht, der dem der Überanspannung vorhergeht, so erreicht der kommerzielle Kredit eine sehr große Ausdehnung, die dann in der Tat wieder die "gesunde" Basis leicht eingehender Rückflüsse und ausgedehnter Produktion hat. In diesem Zustand ist der Zinsfuß immer noch niedrig, wenn er auch über sein Minimum steigt. Es ist dies in der Tat der einzige Zeitpunkt, wo gesagt werden kann, daß niedriger Zinsfuß, und daher relative Reichlichkeit des verleihbaren Kapitals, zusammenfällt mit wirklicher Ausdehnung des industriellen Kapitals. Die Leichtigkeit und Regelmäßigkeit der Rückflüsse, verknüpft mit einem ausgedehnten kommerziellen Kredit, sichert das Angebot von Leihkapital trotz der gesteigerten Nachfrage und verhindert das Niveau des Zinsfußes zu steigen. Andrerseits kommen jetzt erst in merklichem Grad die Ritter herein, die ohne Reservekapital oder überhaupt ohne Kapital arbeiten und daher ganz auf den Geldkredit hin operieren. Es kommt jetzt auch hinzu die große Ausdehnung des fixen Kapitals in allen Formen und die massenhafte Eröffnung neuer weitreichender Unternehmungen. Der Zins steigt jetzt auf seine Durchschnittshöhe. Sein Maximum erreicht er wieder, sobald die neue Krisis hereinbricht, der Kredit plötzlich aufhört, die Zahlungen stocken, der Reproduktionsprozeß gelähmt wird und, mit früher erwähnten Ausnahmen, neben fast absolutem Mangel von Leihkapital, Überfluß von unbeschäftigtem industriellem Kapital eintritt."(MEW 25, S. 505)
c. Krise: hoher Zins, weil Schuldforderungen mit Geld beglichen werden müssen.
"In einem Produktionssystem, wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprozesses auf dem Kredit beruht, wenn da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch bare Zahlung gilt, muß augenscheinlich eine Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach Zahlungsmitteln. Auf den ersten Blick stellt sich daher die ganze Krise nur als Kreditkrise und Geldkrise dar. Und in der Tat handelt es sich nur um die Konvertibilität der Wechsel in Geld. Aber diese Wechsel repräsentieren der Mehrzahl nach wirkliche Käufe und Verkäufe, deren das gesellschaftliche Bedürfnis weit überschreitende Ausdehnung schließlich der ganzen Krisis zugrunde liegt. Daneben aber stellt auch eine ungeheure Masse dieser Wechsel bloße Schwindelgeschäfte vor, die jetzt ans Tageslicht kommen und platzen; ferner mit fremdem Kapital getriebne, aber verunglückte Spekulationen; endlich Warenkapitale, die entwertet oder gar unverkäuflich sind, oder Rückflüsse, die nie mehr einkommen können."(MEW 25, S. 507)
III. Die kapitalistische Gesellschaft als Sphäre individueller Freiheit
Der Mensch ist frei, wenn er in seinem Handeln nur durch seinen eigenen Willen bestimmt ist oder wenn er das Resultat seiner Handlung als Vergegenständlichung seines freien Willens erkennen kann. Die Identität zwischen seinem Handeln und seinem freien Willen macht seine raum- und zeitlose Existenz als freies, sich selbstbestimmendes Subjekt aus. In kapitalistischen Gesellschaften nimmt diese Identität die irrationale Form eines Dinges, der Ware, an. Dadurch scheint die Verdinglichung und Versachlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse als Voraussetzung von individueller Freiheit und von selbstverantwortlichen Handeln der Menschen.
Marx beschreibt im siebenten Abschnitt (Die Revenuen und ihre Quellen)
1. die Identität der Menschen als Warenbesitzer als eine alle Gruppen der Gesellschaft beherrschenden Bewusstseinsform;
2. ihre Entstehung im kapitalistischen Produktionsverhältnis und ihre Realisation durch die Konkurrenz der auf einzelwirtschaftlicher Handlungsebene nur ihren individuellen Nutzen verfolgenden Subjekten;
3. und die gesellschaftliche Verwirklichung der Identität selbstbewussten Denken und Handeln der empirischen Klassen, die die sozialen Unterschiede als notwendig und dies Notwendige als Resultat ihres freien Willens erkennen.
1. Die Verdinglichung der sozialen Verhältnisse
"Kapital - Profit (Unternehmergewinn plus Zins), Boden - Grundrente, Arbeit - Arbeitslohn, dies ist die trinitarische Form, die alle Geheimnisse des gesellschaftlichen Produktionsprozesses einbegreift."(MEW 25, S. 822)
"Die Vulgärökonomie tut in der Tat nichts, als die Vorstellungen der in den bürgerlichen Produktionsverhältnissen befangenen Agenten dieser Produktion doktrinär zu verdolmetschen, zu systematisieren und zu apologetisieren. Es darf uns also nicht wundernehmen, daß sie gerade in der entfremdeten Erscheinungsform der ökonomischen Verhältnisse, worin diese prima facie abgeschmackt und vollkommene Widersprüche sind - und alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen -, wenn gerade hier die Vulgärökonomie sich vollkommen bei sich selbst fühlt und ihr diese Verhältnisse um so selbstverständlicher erscheinen, je mehr der innere Zusammenhang an ihnen verborgen ist, sie aber der ordinären Vorstellung geläufig sind."(MEW 25, S. 825)
Das Wesen der bürgerlichen Produktionsverhältnisse besteht nach Marx in der klassenspezifischen Konstitution der Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen, in der zwar einerseits alle Beteiligten als gleiche freie Subjekte aufgehoben sind, aber nur in Form von Warenbesitzer, in der aber andererseits die subjektiven Ansprüche recht unterschiedlich bestimmt sind, die der Arbeiter erschöpfen sich in ihrem Anspruch auf die Reproduktion der Ware Arbeitskraft, während die Kapitalisten als Besitzer des Kapitals und als Käufer der Ware Arbeitskraft einen subjektiven Anspruch auf die Aneignung der Mehrarbeit und die Reproduktion des konstanten Kapitals durch die lebendige Arbeit haben. Die in der sozialen Identität der Menschen als Warenbesitzer enthaltene Ungleichheit erscheint auf einzelwirtschaftlicher Handlungsebene nicht mehr. Auf dieser Handlungsebene bezieht sich jeder Handelnde auf die gesellschaftliche Arbeit als ein Ding, in dem ein bestimmter subjektiver Anspruch schon als solches enthalten scheint. Die Menschen werden zu bloßen Personifikationen ihrer jeweiligen Waren und ihre gesellschaftlichen Beziehungen erscheinen ihnen nunmehr als sachliche Verhältnisse, die durch den Sachen immanente und von ihrem Willen unabhängige Gesetze bestimmt werden.
Der Kapitalismus ist ein System der Ausbeutung der Arbeiterklasse. Er hat aber nach Marx auch eine zivilisatorische Seite. "Es ist eine der zivilisatorischen Seiten des Kapitals," schreibt Marx", daß es diese Mehrarbeit in einer Weise und unter Bedingungen erzwingt, die der Entwicklung der Produktivkräfte, der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Schöpfung der Elemente für eine höhere Neubildung vorteilhafter sind als unter den frühern Formen der Sklaverei, Leibeigenschaft usw. Es führt so einerseits eine Stufe herbei, wo der Zwang und die Monopolisierung der gesellschaftlichen Entwicklung (einschließlich ihrer materiellen und intellektuellen Vorteile) durch einen Teil der Gesellschaft auf Kosten des andern wegfällt; andrerseits schafft sie die materiellen Mittel und den Keim zu Verhältnissen, die in einer höhern Form der Gesellschaft erlauben, diese Mehrarbeit zu verbinden mit einer größern Beschränkung der der materiellen Arbeit überhaupt gewidmeten Zeit. Denn die Mehrarbeit kann, je nach der Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, groß sein bei kleinem Gesamtarbeitstag und relativ klein bei großem Gesamtarbeitstag … Sodann aber hängt es von der Produktivität der Arbeit ab, wieviel Gebrauchswert in bestimmter Zeit, also auch in bestimmter Mehrarbeitszeit hergestellt wird. Der wirkliche Reichtum der Gesellschaft und die Möglichkeit beständiger Erweiterung ihres Reproduktionsprozesses hängt also nicht ab von der Länge der Mehrarbeit, sondern von ihrer Produktivität und von den mehr oder minder reichhaltigen Produktionsbedingungen, worin sie sich vollzieht. Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn kann. Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung."(MEW 25, S. 827f)
Viele linke Interpreten dieser Stelle haben hier einen Gegensatz zwischen der Ökonomie als Sphäre der Notwendigkeit, in der der Handelnde gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist, und einer Sphäre der Freiheit, etwa der Freizeit oder der ehrenamtlichen und eigenverantwortlichen Tätigkeiten, konstruiert.5) Diese Interpretationen geben sich gesellschaftskritisch, sie bleiben aber im Dunstkreis der bürgerlichen Ideologie. Dass die Lohnarbeiter im Bereich jenseits ihrer Erwerbstätigkeit in ihrer Freizeitgestaltung gewisse Freiheit besitzen, ist in der Logik der Warenproduktion selbst enthalten. Die Menschen können, soweit ihre subjektiven Ansprüche auf die Produkte der gesellschaftlichen Arbeit sozial anerkannt sind, wohl in jeder historischen Gesellschaftsform frei darüber entscheiden, wie sie diese Ansprüche für sich realisieren wollen.
Entscheidend dafür, ob sie dabei als freie Subjekte sozial anerkannt sind oder nicht anerkannt sind, hängt davon ab, in welcher Form sie im Prozess der sozialen Anerkennung subjektiver Ansprüche anerkannt sind. In allen Klassengesellschaften ist diese Form inhaltlich bestimmt, entweder durch traditionelle Weltbilder von einer natürlichen hierarchischen Sozialordnung oder durch das moderne Weltbild von einer funktional integrierten Gesellschaft. Das System der subjektiven Ansprüche erscheint immer als ideelles Spiegelbild der realen Macht- und Herrschaftsstruktur. Dies gilt übrigens auch für die Geschlechterbeziehung, in denen die traditionalen Rollenbilder, die reale Herrschaftsstruktur rechtfertigt. Frei sind die Menschen in einer Gesellschaft oder auch in einer Kleingruppe, wenn sie um die soziale Anerkennung ihrer subjektiven Ansprüche als Teil des Systems subjektiver Ansprüche auf ihr gemeinsames Handeln unabhängig von ihrer jeweiligen konkreten Situation innerhalb ihres gemeinsamen Handlungszusammenhangs, d.h. unabhängig von ihrer konkreten Leistung, als gleiche freie Subjekte kämpfen können. In diesem Fall nehmen sie die Rolle eines Souveräns ihres sozialen Handlungszusammenhang ein und üben den Allgemeinwillen aus. Im gesellschaftlichen Handlungszusammenhang, der durch die Identität als inneres Gesetz reguliert wird, sind dann die gesellschaftlichen Subjekte keinen äußeren Zwangsgesetzen unterworfen, sondern nur jenen Gesetzen, die sie sich selbst gegeben haben.
Es gibt also nicht zwei räumlich getrennte Sphären von Freiheit und Notwendigkeit, sondern nur verschiedene Handlungsebene, auf denen die Menschen einerseits als gleiche freie Subjekte sich die Gesetze, nach denen sie handeln, selbst geben, und andererseits als konkrete Subjekte die von ihnen selbst bestimmte Identität durch ihr Handeln entweder als Teil des gesellschaftlichen Handlungszusammenhangs oder in ihrer Freizeit realisieren. Die Freiheit des Einzelnen ist daher, wie Hegel einmal meinte, wesentlich affirmativ. Wenn Marx also zwischen dem Reich der Notwendigkeit und Reich der Freiheit unterschied, dann unterschied er nicht zwischen dem ökonomischen System als Reich der Notwendigkeit und der Sphäre autonomer Tätigkeiten, sondern zwischen der Sphäre ökonomischer Tätigkeiten auf einzelwirtschaftlicher Handlungsebene, auf der soziale Identität realisiert wird, und einer Sphäre autonomer Tätigkeiten. Beide Handlungsbereiche sind in entwickelten komplexen Gesellschaften in einem Kampf um soziale Anerkennung subjektiver Anrechte fundiert, der auf makroökonomischer Ebene in Form von Tarifauseinandersetzungen ausgetragen wird. Es wäre falsch, zwischen Gewerkschaftskampf, der den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen bleibt, und politischen Kampf, in dem es um die Durchsetzung von Allgemeininteressen und um die Veränderung von gesellschaftlichen Institutionen geht, zu unterscheiden.6) Das Allgemeininteresse wird auf der Ebene des Kampfes um soziale Anerkennung subjektiver Ansprüche formuliert. Es ist nicht formal, sondern immer inhaltlich bestimmt. Der Kampf wird im Hinblick auf die primäre Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums auf makroökonomischer Ebene zwischen den Beteiligten des gesellschaftlichen Handlungszusammenhangs und im Hinblick auf die sekundäre Verteilung auf politischer Ebene zwischen allen Anspruchsgruppen ausgetragen.
Schon in seinen Frühschriften schreibt Marx dem Proletariat die historische Mission zu, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse umzuwälzen. Dazu sind sie nach seiner Meinung durch ihre objektive Lage gezwungen. "Es handelt sich darum," schreibt Marx," was (das Proletariat) ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eignen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet. Sein Ziel und seine geschichtliche Aktion ist in seiner eigenen Lebenssituation wie in der ganzen Organisation der heutigen bürgerlichen Gesellschaft sinnfällig, unwiderruflich vorgezeichnet. Es bedarf hier nicht der Ausführung, daß ein großer Teil des englischen und französischen Proletariats sich seiner geschichtlichen Aufgabe schon bewußt ist und beständig daran arbeitet, dies Bewußtsein zur vollständigen Klarheit herauszubilden."(MEW 2, S. 38)
In dieser Einschätzung der Entwicklung liegt kein Geschichtsautomatismus. Denn zu was wird das Proletariat gezwungen, zu der Entscheidung, die gesellschaftlichen Verhältnisse umzuwälzen. Das Proletariat wird hier von Marx als Entscheidungssubjekt bestimmt, eine Bestimmung, die man zu einer allgemeinmenschlichen Bestimmung auch bei den modernen Sozialwissenschaften findet.7) Was Marx aber von den modernen Sozialwissenschaftlern oder Philosophen unterscheidet ist, dass die Entscheidung, der Wille, nicht durch die rationale Erkenntnis der Welt motiviert wird, sondern dass der Wille durch den Drang motiviert wird, als gleichberechtigter Gesetzgeber seines eigenen gesellschaftlichen Handelns anerkannt zu werden. Während die bürgerlichen Sozialwissenschaften den Menschen nur als Teil einer ihm vorausgesetzten Welt und seine Entscheidungen nur instrumentell, d.h. den Menschen als problemlösendes Wesen, begreifen, versteht Marx den Menschen als Gesetzgeber seines eigenen gesellschaftlichen Handelns und damit als Schöpfer der sozialen Welt, in der er als Handelnder situiert ist. Wenn der Vorwurf einer Geschichtsphilosophie berechtigt ist, so trifft sie wohl eher die bürgerlichen Sozialwissenschaften selbst, für die die ganze Geschichte auf einen linearen Prozess der Entstehung einer formalen sozialen Identität hinausläuft.
2. Das Verhältnis von kapitalistischen Produktionsverhältnissen und selbstverantwortlichen Handeln
1. Der kapitalistische Produktionsprozess
Die bürgerliche Ideologie hat ihre reale Grundlage in der Verkennung des Doppelcharakters der gesellschaftlichen Arbeit. Als wertbildende Arbeit schafft die Arbeit Neuwert, der in ein Äquivalent für den Arbeitslohn und in Mehrwert zerfällt. Gleichzeitig überträgt sie als produktive Arbeit den Wert des konstanten Kapitals auf das Arbeitsprodukt, die Ware. Der Wert des konstanten Kapitals wird im Austausch zwischen der Abteilung I, die Produktionsmittel, als das konstante Kapital produziert, und der Abteilung II, die Konsumgüter produziert, in der Form realisiert, das der in der Abteilung I produzierte Neuwert gegen den in Abteilung II in Konsumgütern vergegenständlichten Wert des konstanten Kapitals dieser Abteilung ausgetauscht wird. Da das Kapital nur an der Aneignung des gesellschaftlich produzierten Neuwerts interessiert ist, spielt für den bürgerlichen Ideologen bei der Berechnung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts auch der in der Abteilung I durch die produktive Arbeit erhaltene Wert des konstanten Kapitals keine Rolle. Auf der anderen Seite interessiert sich der einzelne Kapitalist nicht für den wirklichen Wertbildungsprozess. Was er sieht, dass sind die Kosten, die die einzelnen Produktionsfaktoren ihm verursachen. Jeder Produktionsfaktor, ob Arbeit, Kapital oder Boden, ist für ihn eine Ware, die er kaufen muß. Der Ertrag jeder Ware ergibt sich aus ihrem Verkauf. Die Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen, die in der Warenform, den Ding, das jeder besitzt, formal bestimmt ist, bildet das Schema, mit dem jeder Warenbesitzer auf das gesellschaftliche Handeln reflektiert. Das Kapitalist reflektiert auf sein Kapital als Quelle seines Profits, der Arbeiter reflektiert auf seine Ware Arbeitskraft als Quelle seines Arbeitslohns und der Bodenbesitzer reflektiert auf seinen Boden als Quelle seiner Rente.
"Es ist dies das Quidproquo," schreibt Marx," das wir im folgenden Kapitel betrachten, und das notwendig zusammenhängt mit dem Schein, als entspringe der Wert aus seinen eignen Bestandteilen. Zuerst nämlich erhalten die verschiednen Wertbestandteile der Ware in den Revenuen selbständige Formen und werden als solche Revenuen, statt auf den Wert der Ware als ihre Quelle, auf die besondren stofflichen Produktionselemente als ihre Quellen bezogen. Sie sind darauf wirklich bezogen, aber nicht als Wertbestandteile, sondern als Revenuen, als diesen bestimmten Kategorien der Produktionsagenten, dem Arbeiter, dem Kapitalisten, dem Grundeigentümer zufallende Wertbestandteile. Man kann sich nun jedoch einbilden, daß diese Wertbestandteile, statt aus der Zersetzung des Warenwerts zu entspringen, ihn umgekehrt durch ihr Zusammentreten erst bilden, wo dann der schöne fehlerhafte Kreislauf herauskommt, daß der Wert der Waren entspringt aus der Wertsumme von Arbeitslohn, Profit, Rente und der Wert von Arbeitslohn, Profit, Rente seinerseits wieder durch den Wert der Waren bestimmt ist usw."(MEW 25, S. 854)
Nach Marx bleibt, "nach Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise, aber mit Beibehaltung gesellschaftlicher Produktion, die Wertbestimmung vorherrschend in dem Sinn, daß die Regelung der Arbeitszeit und die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit unter die verschiednen Produktionsgruppen, endlich die Buchführung hierüber, wesentlicher denn je wird."(MEW 25, S. 859)
2. Die Konkurrenz auf einzelwirtschaftlicher Handlungsebene
Durch die Konkurrenz der Einzelkapitale wird die im kapitalistischen Produktionsverhältnis konstituierte soziale Identität im einzelwirtschaftlichen Handeln der Wirtschaftssubjekte realisiert.
"Da diese sich nur als Warenbesitzer gegenübertreten und jeder seine Ware so hoch als möglich zu verkaufen sucht (auch scheinbar in der Regulierung der Produktion selbst nur durch seine Willkür geleitet ist), setzt sich das innere Gesetz nur durch vermittelst ihrer Konkurrenz, ihres wechselseitigen Drucks aufeinander, wodurch sich die Abweichungen gegenseitig aufheben. Nur als inneres Gesetz, den einzelnen Agenten gegenüber als blindes Naturgesetz, wirkt hier das Gesetz des Werts und setzt das gesellschaftliche Gleichgewicht der Produktion inmitten ihrer zufälligen Fluktuationen durch."(MEW 25, S. 887)
3. Verteilungsverhältnisse und Produktionsverhältnisse
Die Bestimmungen der Distribution (Lohn, Zins, Rente) entsprechen denen der Produktion (Arbeit, Kapital). „Die Distributionsverhältnisse und -weisen erscheinen daher nur als Kehrseite der Produktionsagenten. Ein Individuum, das in der Form der Lohnarbeit an der Produktion teilnimmt, nimmt in der Form des Arbeitslohns an den Produkten, den Resultaten der Produktion teil. Die Gliederung der Distribution ist vollständig bestimmt durch die Gliederung der Produktion. Die Distribution ist selbst ein Produkt der Produktion, nicht nur den Gegenstand nach, daß nur die Resultate der Produktion distribuiert werden können, sondern auch der Form nach, daß die bestimmte Art der Teilnahme an der Produktion die besondren Formen der Distribution, die Form, worin an der Distribution teilgenommen wird, bestimmt."(K. Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 16)
"Die sogenannten Verteilungsverhältnisse entsprechen also und entspringen aus historisch bestimmten, spezifisch gesellschaftlichen Formen des Produktionsprozesses und der Verhältnisse, welche die Menschen im Reproduktionsprozeß ihres menschlichen Lebens untereinander eingehn. Der historische Charakter dieser Verteilungsverhältnisse ist der historische Charakter der Produktionsverhältnisse, wovon sie nur eine Seite ausdrücken. Die kapitalistische Verteilung ist verschieden von den Verteilungsformen, die aus andren Produktionsweisen entspringen, und jede Verteilungsform verschwindet mit der bestimmten Form der Produktion, der sie entstammt und entspricht.
Die Ansicht, die nur die Verteilungsverhältnisse als historisch betrachtet, aber nicht die Produktionsverhältnisse, ist einerseits nur die Ansicht der beginnenden, aber noch befangnen Kritik der bürgerlichen Ökonomie. Andrerseits aber beruht sie auf einer Verwechslung und Identifizierung des gesellschaftlichen Produktionsprozesses mit dem einfachen Arbeitsprozeß, wie ihn auch ein abnorm isolierter Mensch ohne alle gesellschaftliche Beihilfe verrichten müßte. Soweit der Arbeitsprozeß nur ein bloßer Prozeß zwischen Mensch und Natur ist, bleiben seine einfachen Elemente allen gesellschaftlichen Entwicklungsformen desselben gemein. Aber jede bestimmte historische Form dieses Prozesses entwickelt weiter die materiellen Grundlagen und gesellschaftlichen Formen desselben. Auf einer gewissen Stufe der Reife angelangt, wird die bestimmte historische Form abgestreift und macht einer höhern Platz. Daß der Moment einer solchen Krise gekommen, zeigt sich, sobald der Widerspruch und Gegensatz zwischen den Verteilungsverhältnissen, daher auch der bestimmten historischen Gestalt der ihnen entsprechenden Produktionsverhältnisse einerseits und den Produktivkräften, der Produktionsfähigkeit und der Entwicklung ihrer Agentien andrerseits, Breite und Tiefe gewinnt. Es tritt dann ein Konflikt zwischen der materiellen Entwicklung der Produktion und ihrer gesellschaftlichen Form ein."(MEW 25, S. 890f)
3. Soziale Klassen
Jetzt ist Marx da angekommen, wo die bürgerlichen Sozialwissenschaften ansetzen, bei der empirischen Sozialstruktur. Die Menschen sind auf dieser Ebene durch ihren Leib bzw. durch ihre konkrete Tätigkeit in einem gesellschaftlichen Handlungszusammenhang situiert, der ihnen als ein von menschlichen Willen unabhängiger, durch immanente Gesetze regulierter Zusammenhang gegenübersteht. Sie nehmen sich selbst in ihm als selbstverantwortlich handelnde Subjekte wahr, ihren sozialen Status, sowohl im Hinblick auf soziale Anerkennung wie in finanzieller Hinsicht, sehen sie als Resultat ihrer eigenen Leistung. Sie sind im Einklang mit sich selbst. Die Gesellschaft erkennen sie reguliert durch Verfahren oder von Kommunikationsmedien (Geld, Macht oder Einfluss), durch die gemeinsame abstrakte Identität als freie Subjekte, die soziale Identität von gesellschaftlichen Handeln und subjektiven Ansprüchen, reproduziert wird und ihre eigene soziale Situation verstehen sie aus der Geschichte ihrer individuellen Stellungnahmen als freies Subjekt zu den Herausforderungen ihrer sozialen Umwelt.
Die bürgerlichen Sozialwissenschaften haben diese Alltagsvorstellungen, wie Marx schon gegenüber den Vulgärökonomen feststellte, nur systematisiert. Statt die soziale Identität der Menschen als gleiche freie Subjekte aus einen konkreten sozialen Anerkennungsprozess, der in kapitalistischen Gesellschaften die Form eines Klassenkampfes zwischen Arbeitern und Kapitalisten annimmt und in seiner Trockenlegung durch die Verdinglichung der Identität in der Identität eines Warenbesitzers mündet, abzuleiten, erscheint bei ihnen die verdinglichte Identität des Warenbesitzers in Form von allgemeinmenschliche Eigenschaften oder anthropologischen Konstanten. So erscheint ihnen auch das menschliche Selbstbewusstsein, in dem jene Identität zurückgenommen wird, nur als abstrakte Totalität von anonymen Rollenerwartungen und der gesellschaftliche Zusammenhang, in dem die Menschen durch ihr konkretes Handeln situiert sind, als ein Zusammenhang, durch eine soziale Identität gesetzmäßig reguliert zu sein, die völlig von ihrem Willen unabhängig zu sein scheint. Und schließlich reduziert sich ihnen die Freiheit der Menschen darauf, dass sie eigenverantwortlich ihre kontingente Lebensgeschichte übernehmen.
Die bürgerliche Ideologie hat mit tätiger Beihilfe westlicher und östlicher Marxisten die Marxsche Theorie so zurechtgestutzt, dass sie in den bürgerlichen oder den staatssozialistischen Wissenschafts- und Herrschaftsapparat integriert werden konnte. In beiden Fällen ging ihr revolutionäre Kern verloren. Damit wurde sie auch als Ideologie des Proletariats zahnlos. Der Zerfall des realexistierenden Sozialismus war damit vorprogrammiert. Heute gilt es jenen revolutionären Kern wiederzuentdecken. Als Anregung sollen die vorliegenden Anmerkungen zum "Kapital" von Marx dienen. Nun liegt es bei euch, dieses Angebot anzunehmen oder abzulehnen.
Hans-Günter Burgholte
Anmerkungen:
1) Wie wenig z.B. Adorno von der Marxschen Kritik verstanden hat, zeigt seine Kritik am Äquivalententausch. "Kritik am Tauschprinzip als dem identifizierenden des Denkens will, daß das Ideal des freien und gerechten Tauschs, bis heute nur Vorwand, verwirklicht werde. Das allein transzendierte den Tausch. Hat die kritische Theorie als dem Gleichem und doch Ungleichem enthüllt, so zielt die Kritik der Ungleichheit in der Gleichheit, bei aller Skepsis gegen die Rancune im bürgerlichen Egalitätsideal, das nichts qualitativ Verschiedenes toleriert. Würde keinen Menschen mehr ein Teil seiner lebendigen Arbeit vorenthalten, so wäre rationale Identität erreicht und die Gesellschaft wäre über das identifizierende Denken hinaus." (Negative Dialektik, Frankfurt/Main 1985, S. 150) Dagegen hat Marx ja gerade immer wieder betont, dass es gerade bei der Beachtung des Äquivalententausches zu den kapitalistischen Ausbeutungsverhältnissen kommt.
2) Marx beschreibt diesen Zusammenhang wie folgt: "Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und die ihrer Realisation sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind nur beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die andren durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft. Diese letztre ist aber bestimmt weder durch die absolute Produktionskraft noch durch die absolute Konsumtionskraft; sondern durch die Konsumtionskraft auf Basis antagonistischer Distributionsverhältnisse, welche die Konsumtion der großen Masse der Gesellschaft auf ein nur innerhalb mehr oder minder enger Grenzen veränderliches Minimum reduziert. Sie ist ferner beschränkt durch den Akkumulationstrieb, den Trieb nach Vergrößerung des Kapitals und nach Produktion von Mehrwert auf erweiterter Stufenleiter. Dies ist Gesetz für die kapitalistische Produktion, gegeben durch die beständigen Revolutionen in den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Entwertung von vorhandnem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Notwendigkeit, die Produktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungsmittel und bei Strafe des Untergangs. Der Markt muß daher beständig ausgedehnt werden, so daß seine Zusammenhänge und die sie regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den Produzenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollierbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußern Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen. Es ist auf dieser widerspruchsvollen Basis durchaus kein Widerspruch, daß Übermaß von Kapital verbunden ist mit wachsendem Übermaß von Bevölkerung; denn obgleich, beide zusammengebracht, die Masse des produzierten Mehrwerts sich steigern würde, steigert sich eben damit der Widerspruch zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwert produziert, und den Bedingungen, worin er realisiert wird."(MEW 25, S. 254f)
3) Siehe Aglietta, M.: Ein neues Akkumulationsregime, Hamburg 2000
4) Wenn Sohn-Rethel die simple Auffassung vertritt, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse schon durch die Fundierung der rationale Organisation der gesellschaftlichen Arbeit in den gesellschaftlichen Bedürfnissen überwunden werden könnte, dann vergisst er, dass gerade diese rationale Organisation auf der Verdinglichung der subjektiven Ansprüche der beteiligten Anspruchsgruppen beruht. "Heute aber werden die Gebrauchsgegenstände nicht mehr als »Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten« erzeugt, sondern als Produkte durchorganisierter gesellschaftlicher Arbeit, deren Vergesellschaftung eigene, notwendig bedingte Form angenommen hat, eine Form, welche direkte, im Arbeitsprozeß selbst enthaltene Maßgaben der verlangten »verschiedenen und quantitativ bestimmten Massen der gesellschaftlichen Gesamtarbeit« liefert. Sie ist daher die Formgrundlage einer neuen gesellschaftlichen Ökonomie, die keine Marktökonomie mehr sein kann und sich mit der noch bestehenden Marktökonomie nicht mehr verträgt. Das neue bestimmende Formgesetz ist das Prinzip der operativen Maßeinheit der im Produktionsprozeß nötigen menschlichen Tätigkeit mit den technischen Funktionen der angewandten materiellen Produktivkräfte. Was produziert werden soll, also die Wahl des gesellschaftlichen Verbrauchsprogramms, untersteht keiner ökonomischen Determination mehr, sondern ist Sache der freien Entscheidung der gesellschaftlich bestimmenden Mächte. Aber ist dieses Programm einmal gesetzt, so muß der dafür erforderliche gesellschaftliche Produktionsprozeß als zusammenhängendes Ganzes nach Maßgabe der beiden unabhängigen Variablen, deren Maßeinheit sein leitendes Gesetz ausmacht, intellektuell determinierbar sein. Diese Variablen sind einmal der »gesellschaftliche Gesamtarbeiter«, um uns dieses Marxschen Ausdrucks zu bedienen, da er jetzt, wie schon bemerkt, seinen bloß metaphorischen Charakter verliert und zur berechenbaren Größe zu werden verspricht, als Gesamtheit aller zeitbemessenen menschlichen Arbeitsfunktionen; und zum anderen die Technologie der anzuwendenden Produktivkräfte."(Sohn-Rethel, A.: Geistige und körperliche Arbeit, S. 163)
5) Als Beispiel sollen nur Gorz und Herkommer genannt werden, deren Interpretationen einen gewissen Einfluss auf die westdeutsche Linke ausgeübt haben.
Gorz unterscheidet in seinem dualistischen Gesellschaftskonzept eine Sphäre der Notwendigkeit, die durch abstrakten und standardisierten Tätigkeiten gekennzeichnet wird und eine autonome Sphäre der Kultur und der Basisgemeinden. Sein politisches Ziel ist, durch Arbeitszeitverkürzung den Bereich der autonomen Tätigkeiten auszuweiten.(vgl. A. Gorz: Abschied vom Proletariat, Hamburg 1983)
An Gorz schließ Herkommer an, wenn er schreibt: "Die duale Grundstruktur des Alltagslebens von Lohnarbeitern - fremdbestimmte Arbeit und freie Sphäre der Nicht-Arbeit - ist im Verhältnis der beiden Seiten historisch variabel, aber prinzipiell innerhalb der bestimmten Produktionsweise der bürgerlichen Gesellschaft nicht aufzuheben."(S.123 in Herkommer, Bischoff, Maldamer, Alltag, Bewußtsein, Klassen, Hamburg 1984)
6) Diese Unterscheidung findet man bei Luxemburg und Lukacs, aber auch bei allen anderen linken Theoretikern.
7) So bestimmt z.B. Gehlen den Menschen als ein handelndes und stellungnehmendes Wesen, das auf die ihm gegenüberstehende Welt antwortet (vgl. Gehlen, A.: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, Bonn, 1950) ebenso Husserl, der den Menschen als stellungnehmendes Subjekt (vgl. Husserl, E.: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie II, Den Haag, 1976) bestimmt.
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