" ... zur Förderung des Verständnisses gesellschaftlicher Prozesse"

 Start  Politik  Ökonomie  Gesellschaft und Kultur   Theorie   Geschichte  Archiv  Suche  Impressum 

Pfad:  debatte.info  | Theorie  | Kapitalkurs  | Lektion 23 Gesetz der Akkumulation 

Lektion 23: Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation

Karl Marx, Das Kapital, S.640 - 740

Marx bietet uns in diesem Kapitel reichlich historisches Material zur Lage der arbeitenden Klasse im England des 19.Jahrhunderts, genauer gesagt welchen Einfluß „das Wachstum des Kapitals auf das Geschick der Arbeiterklasse ausübt.“(640)*) Er kommt zum Ergebnis: „Je größer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Größe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto größer die industrielle Reservearmee. ... Die verhältnismäßige Größe der industriellen Reservearmee wächst also mit den Potenzen des Reichtums. ... Je größer endlich die Lazarusschichte der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto größer der offizielle Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.“(673f)

Mit der Entwicklung der Akkumulation entwickelt sich, nach Marx, tendenziell die Massenarbeitslosigkeit und eine wachsende Schicht von Ausgegrenzten und Marginalisierten. Dies belegt er mit der Entwicklung in England zu seiner Zeit. Als allgemein gültiges Gesetz der Akkumulation müßte dies auch für heute gelten. Und in unserer globalisierten Welt finden sich genug Argumente für die nach wie vor Wirksamkeit dieses allgemeinen Gesetzes der kapitalistischen Akkumulation. Inwiefern dieses barbarische Gesetz heute in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften modifiziert oder gar durch die Politik aufgehoben wird, sei der Diskussion überantwortet.

 

Wir können in diesem 23. Kapitel uns mit wichtigen Marxschen Begriffen vertraut machen. Die organische Zusammensetzung des Kapitals (640) bezeichnet die Wechselwirkung zwischen wertmäßiger und technischer Zusammensetzung des Kapitals, das Verhältnis von toter zu lebendiger Arbeit. Je größer die Produktivkraft der Arbeit, je mehr Arbeits- und Produktionsmittel durch die lebendige Arbeit konsumiert wird, desto kleiner wird relativ der Anteil des Werts der Arbeitskraft und steigt der des konstanten Kapitalwerts. War in unserem Beispiel c=20 und v=10, so mag im Verlauf sich c auf 80 und v auf 20 erhöhen. Im absoluten Wachsen des Kapitals von 30 auf 100 erhöht sich trotz Verdoppelung von v auf 20 das Verhältnis von c:v auf 4:1. Nun mag sich hinter dem v sowohl eine Vergrößerung der Arbeiteranzahl als auch eine individuelle Steigerung des Werts der Arbeitskraft verbergen. Die „goldene Kette“(646), mit der die Lohnarbeit ans Kapital gefesselt ist, bleibt davon unberührt. Marx drastisch über die Akkumulation: „Wie der Mensch in der Religion vom Machwerk seines eignen Kopfes, so wird er in der kapitalistischen Produktion vom Machwerk seiner eignen Hand beherrscht.“(649)

Nun entwickeln sich im Fortgang der Akkumulation die individuellen Kapitale trotz aller Tendenz zur Nivellierung durch die Zwangsgesetze der Konkurrenz unterschiedlich, manche wachsen schneller, neue Kapitalisten betreten die Bühne, andere verschwinden. Es gilt aber: „Jedes individuelle Kapital ist eine größere oder kleinere Konzentration von Produktionsmitteln mit entsprechendem Kommando über eine größere oder kleinere Arbeiterarmee.“(653) „Die wachsende Konzentration der gesellschaftlichen Produktionsmittel in den Händen individueller Kapitalisten“(653f) ist trotz Gegentendenzen ein dominierendes Merkmal der kapitalistischen Entwicklung.

Es verschwinden aber auch Kapitalisten vom Markt, andere schließen sich zusammen. Es erfolgt „Konzentration bereits gebildeter Kapitale, Aufhebung ihrer individuellen Selbständigkeit, Expropiation von Kapitalist durch Kapitalist, Verwandlung vieler kleineren in weniger größere Kapitale.“ Die „Zentralisation“(654) des Kapitals beschleunigt sich durch die Entwicklung von „Konkurrenz und Kredit, die beiden mächtigsten Hebel der Zentralisation.“(655) Gerade heute im Zeitalter der Fusionen und Übernahmen von Firmen gewinnt die Zentralisation als eine der Haupttendenzen der Kapitalakkumulation an Bedeutung.

 

Nun wenden wir uns wieder der Seite der Lohnarbeit zu. Im allgemeinen Gesetz der Akkumulation haben wir gelernt, dass beständig eine „für die mittleren Verwertungsbedürfnisse des Kapitals überschüssige, daher überflüssige oder Zuschuß-Arbeiterbevölkerung“(658) geschaffen wird. Diese „Surplusarbeiterpopulation“ wird zur „Existenzbedingung der kapitalistischen Produktionsweise. Sie bildet eine disponible industrielle Reservearmee“.(661) Ganz modern: „Die Verdammung eines Teils der Arbeiterklasse zu erzwungnem Müßiggang durch Überarbeit des andren Teils und umgekehrt, wird Bereicherungsmittel des einzelnen Kapitalisten“(665). „Die Bewegung der Gesetze der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit“, die Bewegung des Arbeitslohnes, „vollendet die Despotie des Kapitals.“(669)

Und die Realität zeigt es: „Der tiefste Niederschlag der relativen Übervölkerung endlich behaust die Sphäre des Pauperismus, ... kurz dem eigentlichen Lumpenproletariat“(673). „Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eignes Produkt als Kapital produziert.“(675)

Die kapitalistische Akkumulation zeigt seinen „antagonistischen Charakter“(ebda.). Andrerseits vergrößern sich die Unterschiede in der Bezahlung der Lohnarbeit und, im Vorgriff zu Lenin, entsteht eine „Aristokratie“ des „bestbezahlten Teils der Arbeiterklasse“(697). Vom Lumpenproletariat bis hin zur Arbeiteraristokratie differenziert sich so die Klasse der auf Lohnarbeit angewiesenen im Prozess der Akkumulation des Kapitals aus!

 

Frage zum Verständnis und zur Diskussion:

Gilt heute noch das allgemeine Gesetz der kapit. Akkumulation, national oder global?

 

*) alle Zitate mit Seitenangabe aus Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, MEW 23




Hol Dir Mozilla Firefox PAGERANK-SERVICE Haben Sie Fragen, Hinweise oder Kritik? Schreiben Sie uns: E-Mail mail@debatte.info